Insubordination

"Die Sicherheit meiner Mannschaft ist mein oberstes Ziel."

-- John Garland, Interview mit Morgan TV, 3. August 2046

Das grelle Licht diverser mobiler Leuchten blendet Kaito, als er die Augen öffnet. Mittlerweile herrscht ein reges Treiben auf dem Kältedeck. Überall laufen Techniker und andere Besatzungsmitglieder herum, um ihre Aufgaben zu erfüllen. Mit einer unentschlossenen Mischung aus Beklommenheit und Erleichterung registriert Kaito, dass viele von der Crew mittlerweile Pistolen am Gürtel tragen. Er blickt sich weiter um. Sarah, Fred und Carl erheben sich gerade ebenfalls aus ihren "Betten". Die junge Botanikerin scheint nicht gut geschlafen zu haben und wirkt immer noch müde, was aber angesichts der Umstände auch nicht wirklich verwunderlich ist.

Weiter hinten auf dem Deck entdeckt Kaito schließlich Commander Zakharov. Der alte Wissenschaftler studiert gerade offenbar einen Bericht auf seinem Handterminal, während er es schafft, gleichzeitig noch einen aus einer dampfenden Tasse etwas zu trinken und über das Komm eine anscheinend hitzige Diskussion mit irgendeinem armen Ingenieur führt. Schläft dieser Mann eigentlich auch mal, fragt sich Kaito unwillkürlich und überlegt, ob er es wagen kann, den Russen anzusprechen.

Sein Gedanke wird jedoch von Sarah unterbrochen: "Also ich weiß ja nicht, wie ihr es so haltet, aber ich brauche jetzt erst mal dringend eine Dusche." Kaito verzieht kurz das Gesicht. Wahrscheinlich gar keine so schlechte Idee. Auch Fred und Carl schließen sich den beiden an. Nachdem sie aus dem Gemeinschaftssanitärbereich, der dem Kältedeck angeschlossen ist, herauskommen, fühlen sich die vier tatsächlich wie neu geboren.

Zakharov hat seine Besprechung mittlerweile beendet und kommt auf die vier zu. Fred hat sich noch nicht komplett wieder angekleidet und steht ohne Hose vor dem leitenden Wissenschaftler der Unity, was dieser aber entweder nicht bemerkt oder bewusst ignoriert. Kaito blickt auf die Tasse: "Guten Morgen, Commander. Ist das etwa Kaffee?" Zakharov schnaubt: "Glauben Sie etwa, ich konstruiere ein Raumschiff und vergesse dann die Kaffeemaschine? Natürlich ist das Kaffee!" Er weist mit dem Arm hinter sich, wo sich eine größere Traube Menschen versammelt hat: "Dort drüben werden aktuell Essensrationen und auch Getränke ausgegeben. Sie sollten sich gleich auch was holen. Der Tag dürfte anstrengend werden." Die vier nicken. "Wie ist denn die aktuelle Situation?", fragt Kaito schließlich. "Die Reparaturarbeiten schreiten voran. Wir haben den Reaktor zwar noch nicht wieder hochfahren können, dafür machen aber unsere Datentechniker gute Fortschritte bei der Wiederherstellung der Computersysteme. Wir konnten zu 90 % der Kältekammern wieder eine Verbindung herstellen und haben jetzt ein klareres Bild über die Opferzahlen." Fred schaut besorgt drein: "Wie schlimm ist es?" "Bislang haben wir 314 Tote auf der Unity zu beklagen."

Carl schaltet sich auch in das Gespräch ein: "Und wie viele sind mittlerweile aus der Kryostase aufgeweckt worden?" Zakharovs überfliegt nochmal schnell das Terminal: "Neben den 400 Leuten aus der Technik wurden 50 Angehörige der Schiffssicherheit sowie ein paar Leute der Brückenbesatzung und aus den Bereichen Service und Logistik aus der Kryostase geholt". Kaito schaut den Commander ungläubig an: "Und was ist mit den UN-Friedenstruppen? Angesichts der Bedrohung durch Santiago sollten die doch auch schön längst aktiv werden!" Das Gesicht des Commanders verfinstert sich: "Captain Garland und Abgesandter Lal haben sich gegen deren Einsatz ausgesprochen. Sie befürchten eine ... Eskalation ... der Situation, wenn das Militär zum Einsatz kommt."

Kaito ist fassungslos: "Aber eine Eskalation hat doch schon längst stattgefunden!" "Mir ist das klar, Lieutenant. Wenigstens konnte ich durchsetzen, dass die Techniker mit militärischer Vorerfahrung zum Selbstschutz bewaffnet werden. Außerdem habe ich dafür gesorgt, dass die Sicherheitsleute die kritischsten Orte im Schiff bewachen, bevor es noch zu weiteren Sabotagen kommt. Garland will immer noch eine diplomatische Lösung erzielen. Er beabsichtigt, Santiagos Forderungen zu erfüllen. Sie werden sich beeilen müssen mit der Befreiung von Yang und Santiagos Festnahme, ehe der Schaden für die Mission irreparabel wird." Sarah verzieht leicht angewidert das Gesicht. "Meint der Captain das ernst? Wie kann man nur so naiv sein?"

Zakharov will gerade zu einer Erwiderung ansetzen, als sein Komm wieder eine eingehende Sprechverbindung signalisiert. Er seufzt: "Wie dem auch sei. Ich vertraue darauf, dass Sie dieses Problem lösen können. Wenn Sie so weit sind, erhalten Sie zwei Leute aus der Schiffssicherheit zur Verstärkung. Sie werden als kleines Team vorgehen müssen. Eine offene Schlacht auf dem Schiff können wir uns nicht erlauben. Nach unseren aktuellen Informationen treiben sich diese Spartaner irgendwo auf Deck 2 rum." Er nickt der Gruppe kurz zu und ist dann auch direkt schon wieder in ein Gespräch zu den Reparaturarbeiten vertieft und verlässt schnellen Schrittes das Kältedeck.


Die vier blicken dem Commander kurz hinterher, bis Fred den Moment der Stille durchbricht, während er sich fertig anzieht: "Also jetzt erst mal Frühstücken? Ich hab einen Mordshunger! Bin schon gespannt, was die hier haben." Sarah wirft ihm einen kurzen Blick von der Seite zu: "Mach dir lieber nicht allzu viel Hoffnungen." Sie gehen zu dem Bereich, wo die Essensausgabe stattfindet. Ernüchtert stellt Fred fest, dass das Frühstück wahlweise aus einem nicht näher definierten grünen oder gelben Brei zu bestehen scheint. Und für so was hat er die Erde verlassen? Die Rationen werden von einem jungen Mann in einer Uniform der Service-Crew verteilt. Als Sarah nach vorne tritt, fragt er: "Und was darf es sein?" Sie mustert die beiden Gerichte: "Was haben Sie denn im Angebot?" "Nährstoffbrei. Entweder auf Algen- oder Sojabasis." Er zuckt entschuldigend mit den Schultern: "Ich persönlich finde ja, dass das Algenzeug ganz grauenhaft schmeckt, aber in meiner Familie haben leider alle eine absolut schlimme Soja-Allergie. Schon der kleinste Bissen kann tödlich sein." Sarah nickt mitfühlend: "Ja, meine Geschwister und ich haben auch immer lieber Algen bevorzugt. Ich nehme eine Portion und dazu einen Kaffee." Er schiebt ein Tablett in Richtung Sarah und blickt die anderen an: "Und der Rest?" Kaito schaut sich leicht skeptisch um: "Haben Sie auch grünen Tee?" "Ja, tatsächlich." Die Gesichtszüge des Japaners glätten sich etwas: "Gut, dann nehme ich Algen und grünen Tee." Fred und Carl ordern jeweils eine Mischung aus Algen und Soja. Gemeinsam suchen sie nach einem Platz auf dem Deck, wo sie ihre Mahlzeit zu sich nehmen können.

Mangels Tischen und Stühlen bleibt ihnen nur ein Platz auf dem Boden. Sie nähern sich schließlich zwei jungen Datentechnikerinnen, die dort bereits sitzen.

Carl betrachtet die beiden. Die eine ist recht hochgewachsen und schlank. Ihrem Äußeren nach würde er schätzen, dass sie aus der Karibik oder Südamerika stammt. Sie strahlt eine sympathische Selbstsicherheit und freche Lebensfreude aus. Im Kontrast dazu wirkt die andere Technikerin eher zierlich und schüchtern. Das blonde Haar trägt sie ebenfalls kurz. Sie schaut die Gruppe nur kurz an, bevor sie sich wieder über ihre Portion Soja hermacht. Interessiert registriert Carl die Anschlüsse des Mensch-Maschine-Interface, die beide im Nacken haben.

Die erste begegnet Carls Blick und lächelt zuerst ihm zu, bevor sie ihren Blick auch an die anderen richtet: "Setzt euch doch zu uns. Hier ist genug Platz. Ich bin Lieutenant Asa Wright. Das hier neben mir ist Lieutenant Annikki Luttinen, aber nennt sie ruhig Aki, das mache ich auch immer." Die blonde Frau rollt kurz resigniert mit den Augen, sagt aber nichts.

Die Gruppe lässt sich neben den beiden Frauen nieder. Fred fängt direkt an, sich über seine Portion in einem Tempo herzumachen, das Sarah kurz in ungläubiges Staunen versetzt, während Kaito in Ruhe seinen Tee genießt.

Carl wendet sich an Asa Wright: "Was ist eure Aufgabe hier?" "Oh, wir sind aktuell mit der Wiederherstellung der Computersysteme beschäftigt. Aber da ich große Teile des Betriebssystems entworfen habe, ist das tatsächlich weniger schwierig, als es sich anhört. Aki hier ist eine Spezialistin für vorausschauende und selbstlernende Algorithmen." "Beeindruckend", gibt Carl zu. Wright winkt ab. "Ach, man soll es auch nicht überbewerten." Die beiden sind noch weiter in ihren Austausch vertieft, bis sich Lieutenant Luttinen räuspert. "Es wird Zeit. Wir sollten mit unserer Arbeit fortfahren." Die andere Frau zuckt locker mit den Schultern: "Wie du meinst." Sie zwinkert Carl zu: "Man sieht sich." Dann erheben sich die beiden Technikerinnen und gehen fort.

Fred schaut Carl an: "Was war das denn?" Sarah schmunzelt: "Sieht so aus, als hätte unser guter Carl hier eine Verehrerin gefunden." Der Techniker errötet leicht und verkneift sich eine Antwort.


Auf dem Weg zur medizinischen Station geht Sarah noch einmal den Plan durch, den sie gemeinsam ausgearbeitet haben: Er könnte funktionieren, wenn sie die notwendigen Mittel dafür bekommen ...

Auf der Krankenstation ist wenig los. Pravin Lal hat mittlerweile Verstärkung durch einen weiteren Arzt und zwei Krankenpflegerinnen bekommen. Sie versorgen gerade zwei Techniker, die sich bei ihrer Arbeit schmerzhaft aussehende Verbrennungen an den Armen zugezogen haben. Weiter hinten erblickt Sarah Schwester Miriam Godwinson in einem Bett liegend. Die Seelsorgerin der Unity ist mittlerweile wieder bei Bewusstsein, trägt aber einen Verband am Kopf. Neugierig beobachtet sie die Neuankömmlinge, sagt aber nichts.

Kaito steuert zielstrebig auf Pravin Lal zu: "Abgesandter Lal, hätten Sie einen Moment Zeit für uns?" "Aber natürlich, Lieutenant Ito. Gehen wir doch in mein Büro." Er macht eine einladende Geste in Richtung des angrenzenden Raums. Nachdem er die Tür hinter ihnen geschlossen hat, schaut er Kaito und Sarah neugierig an. "Was kann ich für Sie tun?"

Kaito überlegt einen Moment und beschließt, direkt zur Sache zu kommen: "Es geht um die Situation mit Santiago. Wir haben einen Plan zu ihrer Festnahme und der Befreiung von Commander Yang ausgearbeitet. Allerdings benötigen wir dafür einige Materialien von der Krankenstation." Das erst so freundliche Gesicht des UN-Abgesandten nimmt einen zögerlichen Ausdruck an: "Und wie soll dieser Plan aussehen und was benötigen Sie dafür von mir?" Sarah atmet durch. Genau das hat sie befürchtet. Kaito fährt jedoch unbeirrt fort: "Wir wissen, dass die Meuterer sich derzeit auf Deck 2 aufhalten. Wir wollen ein nicht tödliches Betäubungsgas über die Lüftung verteilen und sie danach festnehmen. Wir hatten gehofft, dass Sie uns geeignete Chemikalien aus ihrem Vorrat zur Verfügung stellen könnten."

Lal zieht die Augenbrauen hoch. "Ist ein solcher Plan mit Captain Garland abgestimmt?", fragt er misstrauisch. Kaito verzieht keine Miene. "Natürlich." Doch neben ihm ergänzt Sarah: "Wir haben einen entsprechenden Befehl von Commander Zakharov erhalten."

Lals Blick wird hart: "Mein hochgeschätzter Kollege mag zwar dieses Schiff entworfen haben, aber er kommandiert es nicht, auch wenn ich den Eindruck habe, dass er das in letzter Zeit ein wenig vergisst. Wie dem auch sei: Der Captain beabsichtigt, diese Angelegenheit ohne weiteres Blutvergießen zu lösen und ich stimme ihm in diesem Punkt absolut zu. Das Letzte, was wir aktuell brauchen, sind irgendwelche wilden Befreiungsaktionen, die eine Spirale der Gewalt in Gang setzen!"

Kaito reagiert frustriert: "Aber wir haben doch überhaupt keinen Anlass, Santiagos Versprechungen zu vertrauen und unser Plan ist bereits auf eine minimale Zahl an möglichen Opfern ausgelegt." Sarahs Reaktion ist noch deutlich unwirscher: "Der Lieutenant hat völlig recht! Dieser Santiago entgegenzukommen ist völlig unverantwortlich. Wir müssen etwas unternehmen!"

Lal verschränkt die Arme: "Ich bedaure, aber solange der Captain dieses Vorgehen nicht genehmigt hat, kann ich Ihnen nicht weiterhelfen." Kaito seufzt: "Gut, ich werde mit ihm deswegen reden." Von der Seite erntet er nur ein wütendes Schnauben. Sarah macht auf dem Absatz kehr und verlässt das Büro. Kaito folgt ihr.

Draußen hat Schwester Godwinson mittlerweile ihr Bett verlassen und ist in ihre Richtung gekommen. Kaito nickt ihr zu: "Geht es Ihnen schon etwas besser?"

"Ja, Lieutenant. Ich danke Gott, dass er mich verschont hat, wo er doch so viele neben mir zu sich gerufen hat."

Sarah verdreht die Augen. Dafür fehlt ihr jetzt wirklich die Geduld. "Es war nicht Gott, der Sie gerettet hat, sondern wir. Wir haben Sie aus dieser verdammten Kapsel gezogen und hierher gebracht!"

Die andere Frau lässt sich dadurch jedoch in keiner Weise beirren. "Natürlich bedient sich Gott auch einfacher Menschen, um seinen Willen zu wirken. Sie hatten die Ehre, die Werkzeuge seines allmächtigen Willens zu sein", sagt sie voller Überzeugung.

"Reden Sie sich die Realität nur passend. Für so einen Unsinn habe ich keine Zeit!"

Ein fanatisches Funkeln tritt in den Blick von Godwinson: "Auch Ihre Seele kann noch gerettet werden und zum wahren Glauben finden!"

"Das bezweifle ich", giftet Sarah zurück und dreht sich in Richtung Tür. Sie lassen Godwinson ohne jedes weitere Wort stehen und verlassen die Krankenstation.


Carl blickt von seinem Handterminal auf die Tür vor sich. "Hier sollten wir alles Notwendige finden", stellt er zuversichtlich fest. Gemeinsam mit Fred betritt er den Werkstattsbereich der Unity. Fred sieht sich mit wachsender Begeisterung um: Die Ausstattung hier ist wahrlich vom Feinsten. Er nimmt einige der Werkzeuge in die Hand und denkt mit leichtem Wehmut an seine eigene Werkstatt, die er auf der Erde zurückgelassen hat. Er dreht sich zu Carl um: "Also, das Werkzeug ist top. Wie sieht es mit den notwendigen Bauteilen aus? Genug, um ein oder zwei kleine Drohnen zu bauen, die wir durch die Lüftungsschächte schicken können, um Santiago zu finden und das Betäubungsgas zu transportieren?" Carl prüft die Inventarliste auf seinem Handterminal: "Das meiste ist da. Ein paar Dinge werden wir wohl improvisieren müssen." Ein Grinsen breitet sich auf Freds Gesicht aus, während er aufgeregt seine Hände reibt: "Improvisation ist meine Spezialität! Na los, fangen wir an!"


Der Captain ist gerade in einen Bericht vertieft, den er an einem der Terminals liest, als Kaito und Sarah die Brücke betreten. Mittlerweile sind auch Teile der Brückencrew aus der Kryostase geholt worden und arbeiten an den verschiedenen Stationen. Sie registrieren die Neuankömmlinge nur kurz und widmen sich dann wieder ihrer Arbeit. Erfreut stellt Sarah fest, dass auch Deidre Skye sich aktuell auf der Brücke befindet. Die Biologin schenkt ihr ein warmherziges Lächeln zur Begrüßung.

Garland hat ihre Ankunft noch nicht bemerkt, als die beiden hinter ihn treten. Erst als Kaito sich vernehmlich räuspert, dreht sich der Captain zu ihnen um: "Ja, Lieutenant? Was gibt es?" "Sir, ich wollte mit Ihnen über die Situation mit Santiago sprechen. Meine Leute und ich haben einen Plan zu Ihrer Festsetzung und der Befreiung von Commander Yang ausgearbeitet. Ich hatte auf ihre Billigung gehofft." Das übermüdete Gesicht des Captain verfinstert sich: "Hat Ihnen das Blutbad, das sie in der Waffenkammer veranstaltet haben, etwa noch nicht gereicht? Wollen Sie jetzt etwa auch noch das restliche Schiff in ein Schlachtfeld verwandeln?" Kaito ringt sichtlich um Fassung. "Captain, ich kann Ihnen versichern, dass ich stets nur das Wohl der Mission im Blick hatte und ich den Einsatz von Gewalt auf das absolut notwendige Maß beschränkt habe. Nichtsdestotrotz müssen Sie zugeben, dass Santiago und ihre bewaffneten Anhänger eine Bedrohung sind, der wir begegnen müssen."

Garland erhebt sich von seinem Stuhl und schaut geringschätzig auf den UN-Soldaten: "Ich kann Ihnen versichern, Lieutenant Ito, dass ich die Situation absolut unter Kontrolle habe. Santiago und ich stehen kurz vor einer Einigung, die diese Angelegenheit friedlich beilegen wird. Eine Eskalation durch eine bewaffnete Aktion ist zu diesem Zeitpunkt absolut kontraproduktiv."

"Aber Sir. Wir haben doch keine Garantie, dass sich Santiago und ihre Leute wirklich mit dem zufriedengeben, was Sie ihnen anbieten. Genauso gut könnte es sein, dass sie im Anschluss ihre verbesserte Ausgangslage nutzen, um weitere Forderungen zu stellen. Man kann ihr nicht vertrauen!"

Die Stimme des Captains wird lauter und die ersten Mitglieder der Brückencrew drehen sich zu ihnen um: "Es reicht, Lieutenant! Ich trage die Verantwortung für diese Mission, dieses Schiff und die Menschen, die sich darauf befinden. Und ich werde das alles nicht leichtfertig riskieren. Ihr Plan hat - und das betone ich ausdrücklich - keine Freigabe durch mich!"

Kaito will zu einer Erwiderung ansetzen, doch neben ihm explodiert in dem Moment ein Vulkan. Ein Vulkan namens Sarah Jaydo.

"Wie konnte nur jemand, der so inkompetent ist wie Sie, zum Captain dieser Mission ernannt werden?", schleudert sie ihm wütend entgegen.

Alle Blicke auf der Brücke sind nun auf Sarah und Garland gerichtet. Der ist für einen kurzen Moment sprachlos, fängt sich aber schnell wieder: "Was erlauben Sie sich?"

Doch die junge Frau nimmt gerade erst Fahrt auf: "Was ICH mir ERLAUBE? Irgendjemand muss Ihnen doch mal die Wahrheit ins Gesicht sagen. Sie sind ein naiver Feigling, der mit der Situation maßlos überfordert ist und lieber mit Terroristen verhandelt, anstatt zum Wohle aller Stärke zu zeigen! Sie sind eine Schande für dieses Schiff, diese Mission und diese Uniform! Was ERLAUBEN SIE sich einfach, hier nutzlos auf der Brücke rumzusitzen, während andere Menschen verzweifelt versuchen, die Menschen hier zu retten und dafür sogar ihr Leben riskieren? Kommen Sie endlich aus Ihrem Märchenschloss und in der Realität an!"

Mittlerweile schreien sich beide an. Niemand der Anwesenden verspürt jedoch große Lust, sich zwischen die Beiden zu stellen.

"Das brauche ich mir von jemandem wie Ihnen ganz sicher nicht bieten zu lassen! Lieutenant, entfernen Sie diese Frau gefälligst von meiner Brücke!"

Kaitos Haltung strafft sich: "Bei allem gebührenden Respekt, Captain. Aber diesem Befehl kann ich leider nicht Folge leisten." Garlands Gesicht nimmt einen tiefroten Farbton an. Sarah will gerade zu einer weiteren Tirade ansetzen, als sich eine Hand beruhigend auf ihre Schulter legt. Sarah dreht sich um. Skye blickt sie an und schüttelt leicht mit dem Kopf. Leicht widerwillig lässt sich Sarah von ihr herausbegleiten.

Auf dem Weg zur Tür ruft Garland ihr noch hinterher: "Und kommen Sie gefälligst nicht mehr auf meine Brücke!"

Sarah geht einfach weiter. Im Gehen hebt sie einen Arm und zeigt Garland, ohne sich nochmal umzudrehen, den ausgestreckten Mittelfinger. "Ich komme wieder, wenn Sie Ihren Schwanz gefunden haben!", sind ihre letzten Worte an den Captain, bevor sie mit Kaito und Skye die Brücke verlässt.


Stolz blicken Fred und Carl auf die zwei kleinen Drohnen, die vor ihnen in dem Raum schweben. Glücklicherweise hatten sie im Schiffscomputer einige Bauanleitungen zur Inspiration gefunden. Ein paar neu gedruckte Rotoren halten nun zwei ehemalige Überwachungskameras in der Luft. Die Energieversorgung übernehmen ein paar ausgebaute Akkus aus einigen PDAs, die sich noch im Lager befanden. Während Fred die Teile zusammengeschraubt hat, hat Carl komplett die Steuerungssoftware programmiert. Jetzt wird das Bild der Drohnen auf ihre PDAs übertragen und können mit diesen auch gelenkt werden. Fred nickt zufrieden, als Carl die Drohne einige schnelle Manöver durch den Raum fliegen lässt. "Das hätten wir schon mal geschafft. Was denkst du? Ob die anderen mit dem Betäubungsgas ebenfalls erfolgreich waren?" Carl lässt die Drohnen landen. "Finden wir es raus", meint er und aktiviert die Sprechverbindung an seinem Handterminal.


Vor der Brücke atmet Sarah tief durch. Die anderen sehen sie an, bis Skye endlich die Stille unterbricht: "Was war da gerade los?" Kaito antwortet: "Wir wollen Santiago und die anderen Meuterer stoppen. Um ein Blutbad zu vermeiden, sah unser Plan vor, das Deck, wo sie sich aktuell befinden mit einem Betäubungsmittel über die Belüftung zu fluten." Er zuckt resigniert mit den Schultern: "Leider weigert sich der Captain, uns die dafür notwendigen Ressourcen bereitzustellen." Neben ihm schnaubt Sarah nur wütend. Deidre Skyes Blick wandert nachdenklich von Kaito zu Sarah. Nach einem kurzen Zögern sagt sie: "Ich glaube, da könnte ich euch helfen." Verblüfft sieht Kaito Skye an: "Wie das?" Ein verschwörerisches Lächeln huscht über Skyes Gesicht: "Nun, bei den vielen Pflanzen, die wir von der Erde mitgebracht haben, befinden sich auch diverse mit psychotropen Wirkstoffen." "Natürlich zu rein medizinischen Zwecken.", wie sie eilig ergänzt. Sarahs Gesicht hellt sich auf. "Wir könnten ein Mittel, das die Spartaner außer Gefecht setzt, selbst herstellen und brauchen den Captain und Lal gar nicht." Skye zwinkert ihr zu: "Genau." Kaito nickt, als sein Handterminal ertönt und die eingehende Sprechverbindung von Carl signalisiert. Er stellt auf Lautsprecher, damit die anderen mithören können: "Die Drohnen sind fertig. Wie schaut es bei euch aus?", meldet sich der Chief. Kaito antwortet: "Wir hatten einige Schwierigkeiten, haben aber gerade eine Alternative gefunden. Wir treffen uns bei Hydrokultur-Modul 1."


Gemeinsam gehen die vier mit Deidre Skye die Reihe mit den Pflanzen ab. Kaito fragt sich im Stillen immer noch, warum man ausgerechnet auf die Idee kommt, auch Schlafmohn und Cannabis nach Alpha Centauri mitzunehmen. Aber gut, ihm soll es in der aktuellen Situation recht sein. Gemeinsam ernten sie nach Anleitung der beiden Botanikerinnen einen Teil der Pflanzen, bis Skye schließlich meint: "Das sollte reichen. Jetzt müssen Sarah und ich das nur noch im Labor extrahieren und aufbereiten." Sie lächelt: "Santiago und ihre Leute werden für eine längere Zeit sehr entspannt sein, wenn die das einatmen." Während Sarah und Skye mit ihrer Arbeit im Labor anfangen, nimmt Kaito Kontakt mit Zakharov auf: "Commander, wir haben unsere Vorbereitung für die Befreiungsaktion nahezu abgeschlossen." "Ausgezeichnete Arbeit, Lieutenant. Dann schicke ich Ihnen gleich die zugesagte Verstärkung." Kaito zögert kurz: "Was das angeht, Sir ... Ich denke, wir sollten vorsichtshalber ein paar Leute mehr mitnehmen, um auf Nummer sicher zu gehen, dass wir die Situation schnell bereinigen können. Wäre es möglich, dass Sie uns insgesamt sechs Leute schicken könnten? Außerdem benötigen wir Filtermasken, Handschellen und Betäubungswaffen." Die Antwort von Zakharov kommt zügig: "Sollen Sie bekommen. Ich kümmere mich darum."

Einige Zeit später erreichen die von Zakharov ausgewählten Sicherheitsleute die Hydrokulturstation. Ihr Anführer, ein junger Mann, salutiert stramm gegenüber dem Lieutenant und dem Chief: "Crewman Mark Ritzka meldet sich zur Stelle." Kaito erwidert den Gruß: "Stehen Sie bequem, Crewman. Commander Zakharov hat Sie bereits über die Zielsetzung der Mission aufgeklärt?" "Ja, Sir. Uns sind die Eckdaten vertraut." Kaito nickt, während er im Augenwinkel registriert, dass Sarah triumphierend mit zwei kleinen zylinderförmigen Behältern aus dem Labor tritt: "Sehr gut. Die weiteren Details erkläre ich Ihnen unterwegs. Wir sollten keine weitere Zeit verlieren."


Während Kaito und die Sicherheitsleute am Zugang zu Deck 2 ein letztes Mal ihre Waffen überprüfen, bereiten Carl und Fred die beiden Drohnen mit den modifizierten Rauchgranaten vor. Carl verbindet sein Handterminal mit dem Genickanschluss zu seinem Mensch-Maschine-Interface und aktiviert das Steuerprogramm für seine Drohne. Im nächsten Moment ändert sich seine Perspektive und er blickt auf sich selbst herab, während die Drohne langsam emporsteigt. Ein Gedanke genügt und die Drohne dreht sich nach rechts. Er sieht, wie Fred gerade die zweite Drohne mit seinem Handterminal startet. Das leise bienengleiche Summen der beiden Maschinen erfüllt den stillen Raum. Langsam bewegen sich die beiden Drohnen durch die geöffnete Luke zum Lüftungsschacht. Kaito und Sarah blicken konzentriert auf die Live-Bilder der Kameras, die auch auf ihre Handterminals übertragen werden.

Langsam pirscht sich Carls Drohne durch den dunklen Schacht, immer wieder unterbrochen von dem schwachen Licht der Notbeleuchtung, das durch die Lüftungsschlitze von den Gängen hereinscheint. Einige der Meuterer haben sie bereits in den Fluren entdeckt. Carl blendet eine Übersichtskarte in sein Sichtfeld ein. Er nähert sich dem Kryo-Raum auf diesem Deck. Der leuchtende Punkt, der den Standort von Freds Drohne anzeigt, steuert im Moment einige Lagerräume mit Ausrüstung an.

Im Raum mit den Kryokapseln befindet sich Santiago. Sie bespricht sich dort gerade mit 20 weiteren Spartanern. Erleichtert registriert Carl, dass die Gruppe sich relativ nahe bei den Lüftungsschächten befindet. Nur Yang kann er leider nicht entdecken. Wo befindet sich der Commander nur?

Fred entdeckt den Sicherheitschef der Unity in einem der Ausrüstungsräume. Er sitzt dort gefesselt auf einer Kiste, bewacht von drei mit Splitterpistolen bewaffneten Personen. Die beiden Männer verlassen gerade den Raum und lassen eine Frau zurück, die den Blick fest auf Yang gerichtet hat. Während Kaito sich noch die Bilder auf seinem Handterminal ansieht, geschieht plötzlich etwas.

Unvermittelt steht Yang auf. Die Frau richtet ihre Waffe auf ihn und scheint aufgeregt etwas zu rufen. Auf den Bildern kann die Gruppe erkennen, dass der Commander mit ruhigem Gesichtsausdruck anscheinend etwas antwortet und langsam auf die Frau einredet. Fred flucht innerlich: Warum haben sie eigentlich kein verdammtes Mikrofon in die Drohne eingebaut?

Gebannt beobachtet die Gruppe die Szene: Yang redet immer noch, als sich das Verhalten der Frau plötzlich zu ändern beginnt. Ihr Körper fängt an zu zittern und ihr Blick - erst erschrocken und verwirrt - nimmt einen leeren Ausdruck an. Fassungslos muss die Gruppe mit ansehen, wie die Frau langsam die Pistole von Yang wegbewegt und stattdessen auf ihren eigenen Kopf richtet und ihn in einer Wolke aus Blut und Knochensplittern auflösen lässt. Ein leises Lächeln legt sich auf das Gesicht des Commanders, als er ruhig auf die Leiche zugeht, um sich der Schlüsselkarte für die Handschellen, wie auch der Pistole und dem Handterminal der Frau zu bemächtigen.

"Was zum ...", ruft Fred noch aus, als Kaito flucht und ihn unterbricht: "Setzt das Gas frei! Wir gehen rein!"


Das leise Zischen, als die Drohnen den gasförmigen Drogenmix freigeben, bleibt in der Kryokammer zunächst unbemerkt. Durch die Kamera kann Carl beobachten, wie die ersten Personen, die der Drohne am nächsten stehen, anfangen zu wanken. In diesem Moment realisiert auch Santiago die drohende Gefahr. Sie scheint den anderen etwas zuzurufen und fängt an, Richtung Tür zu rennen. Doch es ist zu spät. Erleichtert registriert die Gruppe, wie sie kurz vor dem Zugang bewusstlos zusammenbricht. Kaito macht eine wischende Geste auf seinem Handterminal und holt den Raum mit Yang in den Fokus.

Ungläubig sieht er noch, wie der Sicherheitschef neben einer geöffneten Ausrüstungskiste steht. Das Gesicht ist von einem der Atemfilter, die die Unity für die unbekannte Atmosphäre des neuen Planeten mitführt, bedeckt. Yang zielt mit der Splitterwaffe genau auf die Lüftungsschlitze und die Drohne, bevor die Bildübertragung abbricht.


Kaito und die Sicherheitsleute haben die Elektroimpulswaffen im Anschlag, als sie sich langsam und methodisch den Gang vorarbeiten. Sarah, Fred und Carl bilden die Nachhut. Keiner sagt ein Wort. Im Gang rechts vor ihnen registriert Kaito ein Geräusch. Er gibt Crewman Ritzka neben ihm ein stummes Handzeichen. In einer fließenden Bewegung bewegen sich beide um die Ecke und eröffnen das Feuer. Das statische Knistern und das blau-weiße Flackern der Energieblitze erfüllen den dunklen Gang, als der Spartaner zuckend zusammenbricht. Einer der Sicherheitsleute geht zu ihm, um ihn zu entwaffnen und zu fesseln. Die Gruppe setzt ihren Weg zur Kryokammer fort. Auch die drei Meuterer, die dort noch Stellung bezogen haben, stellen kein Hindernis für sie dar. Instinktiv überprüft Kaito noch einmal den Sitz seiner Atemmaske, bevor er die Tür zur Kammer öffnet.

Dort liegen mittlerweile alle anwesenden Personen am Boden. Santiago hat es noch am weitesten geschafft. Sie liegt nur einige Meter von ihnen entfernt. Fred rennt direkt zu ihr, um sie zu fesseln. Als er versucht, sie umzudrehen, gehen ihre Augen jedoch auf einmal wieder auf. Fred bleibt kaum Zeit für die Überraschung, als ihn auch schon ein Faustschlag direkt im Gesicht trifft und ihn zurückzucken lässt. Automatisch holt er aus und schlägt mit voller Kraft zurück. Santiagos Nase gibt ein übel klingendes Knacken von sich, bevor sie endgültig zu Boden geht. Carl tritt neben Fred und mustert seine Wange, die sich langsam zu verfärben beginnt. "Ziemlich hart im Nehmen die Frau. Ich möchte nicht wissen, wie sie ohne die Beeinträchtigungen durch das Gas gekämpft hätte." Fred zuckt wütend mit den Schultern und legt Santiago Fesseln an. Die anderen Sicherheitsleute machen dasselbe mit den übrigen Spartanern. Kaito entgeht dabei nicht, dass nur etwa 30 Personen verstreut liegen. Um die 20 Spartaner sind ihnen offensichtlich entwischt. Er flucht innerlich.

Währenddessen holt Sarah ihr Handterminal hervor. Sie öffnet eine Sprechverbindung zu dem Handterminal, das der toten Frau im Frachtraum gehört hatte: "Commander Yang, können Sie mich hören?" Die ruhige, klare Stimme, die ihr antwortet, lässt Sarah unwillkürlich erschaudern. "Und mit wem habe ich das Vergnügen zu sprechen?" "Mein Name ist Sarah Jaydo. Wir sind hier, um sie zu befreien und Santiago mit ihren Leuten festzunehmen." "Eine erfreuliche Nachricht, aber woher weiß ich, dass Sie die Wahrheit sagen?" Sarah überlegt kurz, dann aktiviert sie die Kamera ihres Handterminals und lässt sie durch den Raum wandern. "Sehen Sie selbst", sagt sie ihm. Eine kurze Pause, dann eine knappe Antwort: "In Ordnung. Ich komme zu Ihnen."


Commander Sheng-ji Yang betritt stumm die Kryokammer und lässt kurz einen wachsamen Blick durch den Raum schweifen, bevor er sich Kaito zuwendet: "In Ordnung, Lieutenant. Erstatten Sie Bericht. Wie ist die aktuelle Lage auf dem Schiff?" Yangs Gesicht zeigt keine erkennbare Emotion, als Kaito ihm eine Zusammenfassung der Ereignisse gibt. Nachdem Kaito geendet hat, ergreift Yang wieder das Wort: "So, die Children of Earth also? Ich hätte nicht gedacht, dass ich es noch einmal mit dieser Gruppe zu tun bekommen würde." Kaito schaut ihn verwundert an: "Sir?" Yang lächelt: "Diese Gruppe hat einst auf der Erde auch in China versucht, Fuß zu fassen. Ich hatte die ehrenvolle Aufgabe, dieses Krebsgeschwür dort restlos auszumerzen. Seien Sie unbesorgt, Lieutenant. Ich werde auch auf diesem Schiff alle terroristischen Elemente aufspüren und vernichten. Unsere Mission wird nicht scheitern." Fred mischt sich unvermittelt in das Gespräch ein: "Aber wie wollen Sie das erreichen? Wir haben doch gar keine Anhaltspunkte, wer oder überhaupt wie viele dazugehören könnten."

Yang mustert Fred mit einem abschätzigen Blick: "Es liegt wohl außerhalb Ihrer Kompetenz, das einschätzen zu können, meinen Sie nicht? Jeder sollte seinen ihm zugedachten Platz in der Gesellschaft kennen und sich auf seine Aufgabe konzentrieren. Verschwenden Sie Ihre Energie nicht auf Angelegenheiten, die Sie nichts angehen." Freds Augen weiten sich vor Überraschung und Ärger wegen der Zurechtweisung. Er verkneift sich aber eine Erwiderung.

Yang wendet sich wieder Kaito zu: "Wie dem auch sei. Schaffen Sie diese Meuterer in die Arrestzellen und sorgen Sie dafür, dass Santiago isoliert wird. Ich werde in der Zwischenzeit die Brücke aufsuchen und die aktuelle Situation mit Captain Garland besprechen."

Kaito nickt knapp und wendet sich den Gefangenen zu, während Sarah nun das Wort an Yang richtet: "Verzeihen Sie, Commander Yang. Wäre es möglich, dass ich Sie begleiten dürfte?" Yang mustert sie neugierig: "Warum das?" Sarah zuckt mit den Achseln: "Nun, der Captain und ich waren unterschiedlicher Meinung, was den richtigen Weg zu Ihrer Befreiung angeht. Ich würde einfach gerne dabei sein, wenn Sie ihm von der Gefangennahme Santiagos berichten." Der Commander wägt ihre Worte einen Moment ab, dann nickt er mit einem leichten undurchsichtigen Lächeln: "In Ordnung, folgen Sie mir."


Die beiden Männer der Schiffssicherheit, die den Zugang zur Brücke bewachen, salutieren bei der Ankunft von Commander Yang. Als Sarah zur Tür tritt, beginnt eine der Wachen: "Diese Frau darf die Brücke nicht betreten. Befehl von Captain Garland. Ich muss ...", doch ein Blick von Yang lässt ihn abrupt verstummen und eilig zur Seite treten. Mit einer Geste lässt der Sicherheitschef Sarah den Vortritt.

"Was wollen Sie denn schon wieder hier? Hatte ich mich nicht klar ausgedrückt?", giftet Garland, als er Sarah erblickt. Diese wiederum verkündet triumphierend und mit sichtbarem Stolz: "Um nichts in der Welt wollte ich den Moment verpassen, wenn Sie zugeben müssen, dass Sie falsch lagen. Commander Yang ist befreit und Santiago wird in diesem Moment in die Arrestzelle gebracht."

Jetzt bemerkt der Captain auch Yang, der hinter Sarah die Brücke betritt. Mit offen stehendem Mund blickt er zwischen den beiden hin und her, bis er sich nach einem kurzen Moment wieder fängt: "Schön, Sie wiederzusehen, Commander. Es freut mich, dass Ihnen nichts passiert ist".

Der Blick des Sicherheitsoffiziers nimmt einen harten Ausdruck an: "Wie ich hören musste, erfolgte meine Befreiung keinen Moment zu früh. Die aktuelle Sicherheitssituation auf der Unity ist absolut inakzeptabel und das gesamte Unity-Projekt ist in Gefahr!"

Garland will etwas erwidern, doch Yang lässt sich nicht unterbrechen: "Auf diesem Schiff laufen Terroristen und Meuterer frei herum, es wurden Waffen an das zivile Personal herausgegeben und nur ein Bruchteil der Schiffssicherheit ist aus der Kryostase geholt worden. Die derzeitige Lage erfordert eine sofortige Reaktivierung aller Sicherheitskräfte unter meinem Kommando und ich benötige freie Hand, um die subversiven Elemente ausfindig zu machen. Ich schlage die Verhängung des Kriegsrechts auf der Unity vor!"

Es herrscht Totenstille auf der Brücke. Garland wirkt mit der Situation überfordert und fängt an zu stammeln: "Kriegsrecht? Geht das nicht etwas zu weit? Wir dürfen unsere Verpflichtung für die UN-Charta und deren Werte nicht vergessen, Commander Yang. Eine so weitreichende Entscheidung muss mit den übrigen Führungsoffizieren abgestimmt werden."

Ärgerliche Ungeduld macht sich im Gesicht von Yang breit. Resigniert antwortet er: "Tun Sie, was Sie für richtig halten, Captain. Meine Verpflichtung gilt der Sicherheit dieses Schiffs. Wir dürfen keine weitere Zeit mehr verschwenden!"

Der Captain wendet sich einem der anwesenden Crew-Mitglieder zu: "Kontaktieren Sie Zakharov, Lal und Skye. Sie sollen sofort zur Brücke kommen!". Während der Befehl ausgeführt wird, beschließt Sarah, dass sie hier wohl nichts mehr zu suchen hat. Sie muss unbedingt den anderen von dem Gespräch berichten.


Fred ist gerade dabei, mit Carl die verbliebene Drohne aus dem Lüftungsschacht zu holen, als er plötzlich merkt, wie etwas nicht stimmt: Sein Magen fängt stark an zu verkrampfen, ein Gefühl von Übelkeit breitet sich in ihm aus und sein Blick verschwimmt.

Verdammt, wurden die Drogen etwa doch noch nicht vollständig wieder aus der Luft gefiltert? Neben sich sieht er, wie auch Carl anfängt zu schwanken. Er verliert keine Zeit. Mit der einen Hand packt er die Drohne, mit der anderen greift er nach Carl. Gemeinsam rennen sie zum Ausgang des Decks, wo die Luft garantiert sauber ist. Fred atmet tief ein und aus. Doch die Symptome werden nicht besser.

Er blickt zu Carl: "Fühlst du dich auch so mies?" Sein Gegenüber nickt, das dunkle Gesicht auffallend blass: "Ja, was ist das nur? Ich habe gerade die Luftwerte gecheckt. Die sind sauber. Das Gas kann es nicht gewesen sein. Ich glaube, ich werde mich lieber mal hinlegen gehen."

"Mach das. Ich werde vorher noch die Werkstatt aufsuchen."


Kaito verlässt den Arrestbereich der Unity und initiiert eine Komm-Verbindung zu Carl, Fred und Sarah: "Santiago ist sicher in einer Isolationszelle untergebracht. Wie ist die Lage bei euch?" Die junge Biologin berichtet zuerst von den Geschehnissen auf der Brücke. Die Stirn von Kaito legt sich in tiefe Sorgenfalten. Kriegsrecht? Die Lage gerät außer Kontrolle. Hoffentlich verwandelt sich dieses Schiff nicht in ein Schlachthaus. "Hoffen wir, dass die anderen Führungsoffiziere sich nicht Yangs Meinung anschließen. Fred, Carl: Ihr seid so still? Alles in Ordnung bei euch?"

Die Stimmen der beiden Männer klingen übel: "Ehrlich gesagt: Nein." Sie erzählen von den Symptomen, die sich mittlerweile immer stärker zeigen. "Seht zu, dass ihr sofort zur Krankenstation geht! Wir treffen uns da", entscheidet Kaito sofort und beschleunigt seine Schritte.


Auf der medizinischen Station der Unity herrscht das blanke Chaos. Alle Betten sind belegt und selbst auf dem Boden liegen Dutzende Besatzungsmitglieder, wie die vier bei ihrer Ankunft erschrocken feststellen müssen. Die meisten der Patienten liegen mit fahler Haut da. Der Geruch von Erbrochenen und Tod liegt in der Luft. In einem der Betten in der Nähe erkennt Sarah Lieutenant Luttinen, die ihnen am Morgen beim Frühstück Gesellschaft geleistet hat. Die junge Frau hat offensichtlich hohes Fieber und ist nicht bei Bewusstsein. Kaito hält einen der vorbeigehenden Ärzte am Arm fest: "Was ist hier los?" Der Mann ist gestresst: "Das wüsste ich auch gerne, Lieutenant. Seit ein paar Stunden häufen sich auf dem ganzen Schiff Fälle von akutem Organversagen. So etwas habe ich noch nicht erlebt. Spontan würde ich auf eine Vergiftung tippen, aber ich wüsste nicht, woher und warum."

Der Blick des Arztes wandert zu Fred und Carl: "Sie sind auch betroffen, oder? Freuen Sie sich: Im Vergleich zu den meisten anderen hier sehen Sie noch gut aus." Fred verzieht das Gesicht: "So fühle ich mich aber definitiv nicht!" Carl hingegen wirkt nachdenklich. "Aber woher kommt das nur? Und warum sind wir beide betroffen und ihr nicht? Wir waren doch nahezu den gesamten Tag zusammen unterwegs", meint er zu dem Rest.

"Aber natürlich! Das Essen!", sprudelt es unvermittelt aus Sarah heraus. "Kaito und ich hatten die Rationen auf Algenbasis." Sie weist auf die bewusstlose Frau: "Lieutenant Luttinen hatte das Soja-Gericht und ihr ...", sie dreht sich zu Carl und Fred um, "... habt gemischte Portionen genommen und hattet somit eine niedrigere Dosis, weshalb es euch jetzt weniger schlecht geht. Das muss es sein!"

Der Arzt wirkt wie elektrisiert: "Das ist eine plausible Theorie. Ich werde sofort die Lebensmittel überprüfen lassen!" Er wendet sich schon seinem Handterminal zu, während Kaito in Flüsterstimme fortfährt: "Könnte das eine weitere Aktion der Children of Earth sein? Scheint zumindest eher zu diesen Fanatikern zu passen, als zu den Spartanern." Alle drei nicken nur betroffen. Die Children of Earth. Die hatten sie wegen der ganzen Geschichte mit Santiago ja schon fast völlig vergessen.


Nachdem die Wirkung des Medikaments einsetzt, atmet Carl erleichtert auf. Er fühlt sich schon wieder etwas besser. In den Notfallrationen wurde tatsächlich ein Nervengift gefunden. Die Dosis, die Fred und er zu sich genommen hatten, war glücklicherweise gering genug, dass es keine bleibenden Schäden geben sollte und die Symptome behandelbar sind. Traurig und wütend zugleich schaut er sich um. Die meisten Anderen hier werden nicht so viel Glück haben. Einer der Ärzte meinte vorhin zu ihm, dass mindestens 90 % der betroffenen Leute sterben werden. Was für eine dumme und sinnlose Verschwendung von Menschenleben!

Seine Gedanken werden durch den Ton einer eingehenden Sprachverbindung von seinem Handterminal unterbrochen. Er schaut auf das Display: Zakharov

"Ja, Commander?", meldet er sich.

"Chief, Sie müssen etwas für mich erledigen", beginnt der alte Russe ohne Umschweife. "Lieutenant Wright hat mittlerweile die wichtigsten Computersysteme wiederherstellen können. Wir bekommen nun auch wieder Daten von allen Decks. Allen, außer Deck 13. Das gesamte Deck scheint wie von einem schwarzen Loch verschluckt. Alle Systeme dort sind offline. Ich will, dass Sie das vor Ort einmal überprüfen." "Verstanden, Sir", antwortet Carl und seufzt innerlich. Hat er nicht schon genug getan für einen Tag?

Er informiert Sarah, Fred und Kaito. Erneut ziehen sie gemeinsam los.


Absolute Finsternis empfängt die vier auf Deck 13, nur durchbrochen von dem Licht der Lampe an Kaitos Gewehr. Die Notbeleuchtung ist außer Betrieb und auch kein Display oder Kontrolllämpchen flackert irgendwo. Vorsichtig nähert sich die Gruppe den Kryokapseln. Auch diese sind völlig dunkel. Kaito versucht, durch eine der Sichtscheiben zu spähen, kann aber nichts erkennen. Er legt das Gewehr zur Seite. Ehe die anderen ihn daran hindern können, öffnet er die Kapsel.

Der bestialische Gestank, der ihnen entgegenschlägt, ist schlimmer als alles, was jeder von ihnen jemals erlebt hat. Eine widerliche Mischung aus Verwesung und abgelaufenem Kryo-Gel. Von dem Menschen, der sich einst voller Hoffnung auf eine bessere Welt in diese Kapsel begeben hat, sind nur noch Knochen geblieben, die in einer stinkenden Brühe treiben. Kaito muss sich übergeben, während Fred und Carl den Deckel wieder zuschlagen. Nachdem sie den ersten Schrecken und die Übelkeit überwunden haben, schließt Carl sein Handterminal an die Kapsel an.

"Diesen Kapseln wurde schon vor 40 Jahren, unmittelbar nach dem Start, die Energie entzogen. Die Leute hier sind alle schon vor Langem im Kryo-Gel ertrunken. Offenbar wurde der Strom von diesem gesamten Deck hier umgeleitet", fasst der Techniker seine Analyse nach kurzer Zeit zusammen, während ihm innerlich ein zweites Mal schlecht wird: 120 Menschen. Einfach so jämmerlich und einsam in der Finsternis ertrunken. Kaito wischt sich noch Überreste von Erbrochenem aus dem Mundwinkel. "Umgeleitet? Wohin?", fragt er. Carl runzelt die Stirn: "In einen nahegelegenen Frachtraum, der laut Schiffscomputer aufgrund von Lieferengpässen doch nicht genutzt wurde."

Das Gewehr befindet sich wieder in den Händen des UN-Soldaten: "Führ uns hin."


Auf dem Weg zu dem Frachtraum sagt keiner etwas. Dunkle Vorahnungen sind ihre stummen Begleiter. Als sie vor der verschlossenen Tür ankommen, holt Carl sein Handterminal hervor. Nervöse Blicke werden ausgetauscht, dann ertönt Kaitos Stimme: "Aufmachen." Die Tür gleitet geräuschlos auf. Die Waffe im Anschlag geht Kaito voran.

Beim Anblick der Kryokapsel, die wie ein Sarkophag in der Mitte des Raums thront, stutzt Carl. Es sollten doch nur 10.000 Behälter für die Kryostase auf der Unity verbaut werden? Diesen hier dürfte es überhaupt nicht geben. Das Design unterscheidet sich von ihren Kapseln. Schlagartig wird Carl bewusst, warum die Energieumleitung erfolgt ist und Wut ergreift von ihm Besitz.

"Das ist eine CryoVault 600-E von Morgan Industries. Die wurde erst Ende 2045 entwickelt und war die erste Kryokapsel der 6. Generation. Ein absolutes Spitzenmodul für die Superreichen", erklärt er den Übrigen. Beim Anblick der ratlosen Gesichter seufzt er einmal und fährt fort: "Auf der Unity wurden nur Kapseln der 4. Generation verbaut. Die sind deutlich energiesparsamer." Er weist auf die Kapsel vor ihnen: "Bei der 6. Generation wird kein Kryo-Gel mehr verwendet. Der Prozess wurde komplett überarbeitet. Man kann sich ganz normal angezogen reinlegen. Auch die Nebenwirkungen des Kälteschlafs fallen deutlich milder aus und die Zuverlässigkeit ist besser." Er zuckt mit den Schultern: "Dafür verbraucht das Ding auch gut das Hundertfache an Strom im Vergleich zu unseren Kapseln."

Fred verzieht angewidert das Gesicht. "Ernsthaft? 120 Menschen mussten sterben, weil irgendjemand seine Kleidung während des Flugs anbehalten wollte?" Sarah lässt ein wütendes Schnauben verlauten und bewegt sich in Richtung der Kapsel. Als sie durch eine Lichtschranke an der Tür tritt, fangen plötzlich mehrere Displays an der Kapsel an aufzuleuchten. Sie bleibt abrupt stehen. Das System leitet die Auferweckung ein.

Gebannt beobachtet die Gruppe, wie der Deckel der Kryokapsel aufgleitet. Ein kräftiger Afrikaner, gehüllt in eine Mischung aus Anzug und schwarzer Robe, tritt aus der Kapsel heraus. Das Gesicht des Mannes haben sie alle schon unzählige Male in den Nachrichten auf der Erde gesehen:

Nwabudike Morgan, der Geschäftsführer von Morgan Industries.

Der Mann mustert die Gruppe kurz, bevor er ein breites Lächeln aufsetzt und sich mit tiefer Stimme an Kaito wendet: "Ah, Lieutenant. Wie schön, dass auch ein Offizier der UN zu meinem Begrüßungskomitee gehört."

"Von wegen Begrüßungskomitee!", giftet Kaito plötzlich empört los. "Sie sollten überhaupt nicht hier sein!" Morgan schüttelt weiter lächelnd den Kopf: "Aber, aber. Was sind denn das für Manieren? Warum so eine grundlose und plötzliche Feindseligkeit? Wenn jemand auf diesem Schiff sein sollte, dann doch wohl ich. Ohne meine finanziellen Ressourcen und meine Firmen wäre dieses Projekt schließlich niemals realisiert worden und die Menschheit längst ausgestorben."

Auch Fred lässt seiner Wut freien Lauf: "Und das gibt Ihnen das Recht, 120 Menschen umzubringen? Nur damit Sie Ihren schicken Anzug nicht ablegen müssen?" Morgan wirft Fred einen geringschätzigen Blick zu: "Und Sie sind nochmal wer?" Fred richtet sich ein Stück mehr auf und umgreift seinen Hammer: "Fred Krayenborg", erklärt er mit fester Stimme. "Nun, Mr. Krayenborg. Ich erwarte nicht, dass jemand wie Sie, der es offensichtlich liebt im Dreck zu wühlen und von einem stilvollen Auftreten nicht die leiseste Ahnung hat, solche Dinge versteht. Bleiben Sie lieber bei Ihren ölverschmierten Maschinen und überlassen Sie die wichtigen Diskussionen den dafür geeigneten Leuten."

Das Gesicht von Fred nimmt einen dunkelroten Farbton an. Sarah schaltet sich in die Diskussion ein: "Warum halten wir uns überhaupt mit dem
Kerl auf? Arschlöcher wie der sind der Grund, dass die Erde vor die Hunde gegangen ist! Werfen wir ihn doch einfach durch die Luftschleuse." Blanker Hass strömt aus jeder Pore von ihr.

Ein selbstgefälliger Ausdruck erscheint auf Morgans Gesicht: "Das, meine Liebe, wäre ein Fehler. Was wäre ich für ein Geschäftsmann, wenn ich mit leeren Händen vor Ihnen stehen würde? Sie sollten sich erst einmal anhören, was ich anzubieten habe." "Was soll das bedeuten?", fragt Kaito misstrauisch.

"Nun, Lieutenant Ito. Ich vermute, die Children of Earth sind Ihnen ein Begriff?" Ein Blick in die Gesichter der Anwesenden reicht, um Morgans Lächeln noch eine Spur breiter werden zu lassen. Kaito zögert: "Ja, aber was haben Sie mit denen zu tun?" Morgan wird wieder ernster: "Diese Terroristen haben schon seit Längerem auf der Erde versucht, meine Geschäfte zu stören und auch, den Bau der Unity zu behindern. Glücklicherweise konnten meine Leute wenige Wochen vor dem Start eines ihrer Mitglieder in Detroit festsetzen. Der Mann hat auf dem Schwarzmarkt ein Programm des Hackers Sinder Roze besorgt, mit dem er seinen Terroristenfreunden
neue Identitäten verschaffen konnte. Dadurch war es ihnen möglich, das Unity-Projekt zu infiltrieren. Wir konnten den Mann davon überzeugen, uns eine vollständige Liste der Saboteure auf dem Schiff zu erstellen."

"Wie haben Sie ihn dazu gebracht?", fragt Sarah scharf.

Als würde er gerade über den aktuellen Wetterbericht sprechen, sagt Morgan: "Natürlich war der Mann zunächst nicht kooperativ und ich sah mich gezwungen, ihn der Nervschneidung zu unterziehen. Das birgt natürlich das Risiko eines PR-Alptraums, aber war angesichts des erwartbaren Profis absolut gerechtfertigt. Wie auch immer: Von dem Verstand dieses Terroristen war am Ende nicht mehr viel über, aber ich verfüge nun über eine vollständige Liste aller Children of Earth, die sich auf der Unity befinden. Und im Austausch für eine mir angemessene Rolle in der neuen Kolonie werde ich Garland diese Liste gerne zur Verfügung stellen."

Fassungslosigkeit breitet sich auf Freds Gesicht aus: "Aber wenn Sie diese Liste vor dem Start hatten, hätten Sie die ganzen Toten der letzten beiden Tage und die Beschädigung des Schiffs doch im Vorfeld verhindern können!"

Morgan schaut ihn mitleidig an: "Sie verstehen wirklich nichts von wirtschaftlichem Verhalten, oder? Hätte ich das alles vor dem Start verhindert, stünde ich mit leeren Händen dar. Jetzt hingegen habe ich etwas, was Sie unbedingt benötigen und ich kann den maximalen Profit erreichen."

"Ich habe echt genug von diesem aufgeblasenen Typen!", ruft Sarah plötzlich aus und versucht nach Kaitos Gewehr zu greifen, doch die Reflexe des Soldaten sind schneller und es gelingt ihr nicht.

"Sarah, STOP! Das können wir nicht tun!", ruft Kaito aus. Wütende Verzweiflung spricht aus jedem ihrer Worte: "Aber wir können ihn doch nicht mit diesen ganzen Verbrechen ungeschoren davonkommen lassen! Er hat hunderte von Leben auf diesem Schiff auf dem Gewissen!"

"Ich weiß, aber fast 10.000 weitere und womöglich damit sogar der Rest der Menschheit könnten ebenfalls sterben, wenn wir die Children of Earth nicht stoppen. Wir brauchen diese Liste." Fred spuckt zornig aus: "War ja klar, dass diese Reichen mit ihrem Lobbyscheiss wieder durchkommen. Können wir ihm die Liste nicht einfach abnehmen und ihn danach aus der Luftschleuse werfen?"

Morgan schaltet sich wieder in das Gespräch ein: "Glauben Sie etwa, dass ich die so einfach mit mir rumschleppe? Es handelt sich um eine verschlüsselte Datei, die im Schiffscomputer versteckt ist. Nur ich kenne den Speicherort und das Passwort."

Kaito wirft einen Blick zu Carl, der sich seit dem Auftauchen von Morgan auffällig zurückgehalten hat: "Kannst du diese Datei finden und entschlüsseln?" Der Hacker wirkt bekümmert: "Grundsätzlich ja, aber niemals in den zwei Tagen, die uns bleiben. Das wäre eher eine Frage von Monaten."

Morgan mischt sich ein: "Wissen Sie, ich finde Ihre ganze Diskussion ja wirklich kurzweilig und unterhaltsam, aber ich würde dieses Gespräch doch lieber mit jemandem, der über die notwendige Entscheidungs- und Verhandlungskompetenz verfügt, fortsetzen. Bringen Sie mich zu Garland."

Voller Frustration und Resignation weist Kaito auf die Tür.


Auf dem Weg zur Brücke kommen ihnen Pravin Lal und Deidre Skye entgegen. Kaito salutiert den beiden: "Ist die Besprechung der Führungsoffiziere beendet? Was wurde entschieden?" Lal antwortet: "Ein Kompromiss. Yangs Vorschlag zur Verhängung des Kriegsrechts fand keine Mehrheit. Ihm wurden jedoch vom Captain einige Sondervollmachten verliehen, um die Situation mit den Children of Earth und den restlichen Spartanern zu bereinigen." Als er Morgan sieht, weiten sich seine Augen: "Was macht er hier?"

Kaito schildert kurz die vorangegangenen Ereignisse und berichtet auch von der Liste. Er schließt mit den Worten: "Die weiteren Details will er mit dem Captain verhandeln."

"Ich fürchte, das wird warten müssen", erklärt Lal. "Der Captain war jetzt bereits fast zwei Tage ununterbrochen wach seit dem Ende der Kryostase. Ich habe ihm ein Schlafmittel gegeben. Für die nächsten Stunden wird er nicht ansprechbar sein. Das ist eine medizinische Entscheidung! Sie werden wohl mit uns vorliebnehmen müssen, Mr. Morgan."

"Ich denke nicht, dass wir eine Angelegenheit von solcher Tragweite ohne den Captain besprechen sollten", wendet Skye ein. "Ich schlage vor, Sie bringen Mr. Morgan zunächst in den Arrest. Sobald Captain Garland wieder wach ist, können wir das klären."

Pravin Lal erhebt keine Einwände und Morgan antwortet nur: "Ein wahrer Geschäftsmann muss geduldig sein. Ich kann warten."


Erschöpft kehren Fred, Sarah, Carl und Kaito auf ihr Kältedeck zurück, nachdem sie Morgan in einer Arrestzelle gegenüber von Santiago untergebracht haben. Carl hackt sich gerade noch in das Kamerasystem des Arrestbereichs, um einen Mitschnitt auf sein Terminal zu übertragen. "Für alle Fälle", wie er meint. Die vier lassen sich in ihre ehemaligen Kryokapseln fallen.

Noch zwei Tage bis Chiron.