"Die Menschheit ist noch nicht bereit für Utopia. Ich werde Ordnung in das Chaos bringen."
-- Sheng-ji Yang, Persönliches Logbuch
Das Geräusch schwerer Stiefel auf Metall, gebrüllte Befehle und panische Schreie lassen Sarah aus dem Schlaf hochschrecken. Ehe sie überhaupt einen Gedanken fassen kann, wird sie bereits grob aus der Kapsel gerissen und unsanft Richtung Wand gestoßen. Sie versucht, die Lage zu erfassen. Bestimmt drei Dutzend schwer bewaffnete Männer in den Uniformen der Schiffssicherheit treiben alle Personen auf dem Deck zusammen.
Panik ergreift Sarah. Was ist hier nur los und wo sind die anderen? Sie schaut sich um. Endlich entdeckt sie Carl, Fred und Kaito. Sie versucht, sich in der Menge einen Weg zu den drei zu bahnen.
Die Sicherheitsleute fangen an, einzelne Leute aus der Menge zu ziehen und zu einer separaten Gruppe zu bringen. Unter ihnen erblickt Sarah auch den Mann, der gestern die Essensrationen verteilt hatte. Neben ihr wird ein Mann hysterisch und rennt plötzlich zum Ausgang. Mit blankem Entsetzen beobachten die vier, wie einer der Sicherheitsleute ohne Vorwarnung sein Splittergewehr hebt und einen Feuerstoß abgibt. Ein halbes Dutzend elektromagnetisch beschleunigte Splittergeschosse zerfetzen den Brustkorb des Mannes.
Ein junger Lieutenant tritt vor die Gruppe. "Auf Befehl von Commander Yang und Captain Garland ist es ab sofort nur noch Angehörigen der Schiffssicherheit gestattet, Waffen zu tragen. Wir konfiszieren daher zur Sicherheit aller Personen auf der Unity aktuell die im Umlauf befindlichen Waffen. Wen wir nach dieser Aktion noch mit einer Waffe antreffen, den werden wir als Terroristen ansehen und entsprechend behandeln", erklärt der Mann emotionslos. Er weist auf die separierten Leute und fährt fort: "Diese Leute stehen im Verdacht, mit den Children of Earth in Verbindung zu stehen und werden uns zu weiteren Befragungen begleiten."
Kaito unterbricht wütend den Lieutenant: "Das alles gibt Ihnen doch nicht das Recht, hier einfach Leute umzubringen! Sie hätten doch genauso gut Betäubungswaffen einsetzen können, um den Mann aufzuhalten!"
Der Mann erwidert kalt: "Wir haben unsere Befehle. Die Terroristen kriegen, was sie verdienen. Ich glaube auch nicht, dass ich Ihnen in der Angelegenheit Rechenschaft schuldig bin." Als er Kaito ansieht, stutzt er kurz und wirft einen Blick auf sein Handterminal. "Sie sind doch Lieutenant Kaito Ito, richtig?", fragt er.
Kaito zögert kurz. "Ja, das bin ich", bestätigt er. Ein kurzes Lächeln huscht über das Gesicht des Sicherheitsmannes. "Wunderbar. Das erspart mir Sucharbeit. Sie werden uns ebenfalls begleiten. Commander Yang hat auch ein paar Fragen an Sie."
Hilflos müssen Carl, Fred und Sarah mitansehen, wie Kaito abgeführt wird. Die Sicherheitsleute verlassen das Deck zusammen mit ihren Gefangenen und den sichergestellten Waffen. Den erschossenen Mann lassen sie einfach liegen.
"Verdammt, was machen wir jetzt? Wir müssen Kaito retten! Wer weiß, was die mit ihm anstellen", erklärt Fred aufgeregt. Sarah nickt, immer noch sichtlich erschüttert: "Ja, aber wie sollen wir das anstellen?" Sie dreht sich zu Carl um, um ihn nach seiner Meinung zu fragen. Jetzt erst bemerkt sie das verschwitzte, blasse Gesicht des jungen Technikers, der sich kaum noch auf den Beinen halten kann. "Carl, was ist ...", beginnt sie noch, doch er bricht bereits zusammen. Sarah flucht. Das müssen die Nachwirkungen der gestrigen Vergiftung sein. "Er muss zur Krankenstation! Hilf mir", sagt sie zu Fred.
Unbehaglich sieht sich Kaito im Verhörraum um: Der Raum strahlt eine beklemmende Enge aus. Er wird nur durch die schummrige Notbeleuchtung mehr oder weniger erhellt. Die einzigen Möbel sind ein kahler Tisch und zwei Stühle. Kaito entgehen nicht die eingetrockneten Blutflecken an der Tischkante. Auf dem Stuhl ihm gegenüber sitzt Sheng-ji Yang. Der Commander blickt von seinem Handterminal auf. Ein schmales Lächeln deutet sich auf seinem Gesicht an: "Ah, Mr. Ito. Setzen Sie sich."
Kaito nimmt auf dem zweiten Stuhl Platz. Die beiden Sicherheitsleute, die ihn hergebracht haben, beziehen hinter ihm an der Wand Stellung. Yang hat ihn mit seinem Blick fest fixiert. "Sie wissen, warum Sie hier sind?", fragt er schließlich. Kaito schüttelt den Kopf. "Ehrlich gesagt, nein. Und vor allem verstehe ich die Methoden nicht, mit denen ich hierher gebracht wurde. Wie kommen Sie dazu, Ihre Leute einfach Menschen erschießen zu lassen?"
Der Sicherheitschef der Unity antwortet ungerührt: "Extreme Situationen erfordern manchmal extreme Maßnahmen, Lieutenant. Die Ziele der Gruppe und der höheren Sache sind transzendental und erfordern manchmal Opfer. Captain Garland billigt mein Vorgehen. Wir haben schließlich Terroristen an Bord, die bereits für den Tod mehrerer hundert Seelen verantwortlich sind und die gesamte Mission gefährden. Was uns zu Ihnen führt und dem Grund, weshalb wir dieses Gespräch führen."
Kaito verkrampft sich innerlich. "Was wollen Sie damit andeuten?", fragt er vorsichtig.
"Nun, ich kam nicht umhin, einige merkwürdige Zufälle in den Ereignissen der letzten Tage zu bemerken, an denen interessanterweise immer wieder Sie beteiligt waren. Vielleicht können Sie mich in dieser Angelegenheit ja etwas erhellen. Fangen wir mit dem Umstand an, dass Sie und einige andere Personen 'zufällig' zur selben Zeit wie die Führungsoffiziere und die Meuterer um Santiago aufgeweckt wurden", entgegnet Yang.
"Die Analyse von Chief Walsh ergab, dass dies durch einen Fehler in der Programmierung des Hackers von Santiago verursacht wurde und tatsächlich ein Zufall war", erwidert Kaito. Yangs Gesichtsausdruck wirkt auf einmal lauernd: "Und Walsh war der Einzige, der das überprüft hat? Sie haben also nur sein Wort, dass dem so war?"
Kaito wirkt irritiert: "Ich habe keinen Grund, an Chief Walsh zu zweifeln. Er hat in den vergangenen Tagen Beachtliches für diese Mission geleistet und seine Fähigkeiten im Umgang mit Computersystemen stehen für mich außer Frage."
Der Sicherheitschef schaut nachdenklich auf sein Handterminal. "Beachtlich? Ja, in der Tat. Und dabei auch sehr bescheiden, wenn ich mir den Lebenslauf des Chiefs und die dort aufgeführten Fähigkeiten so ansehe. Vielleicht werde ich den Mann auch einmal kennenlernen müssen. Aber bleiben wir bei Ihrer Person. Sie haben sich und weiteren Personen Zugang zur Waffenkammer verschafft, obwohl Sie den ausdrücklichen Befehl des Captains hatten, diese nicht aufzusuchen."
Empörung ergreift Kaito. "Ich hatte die Waffenkammer aufgrund eines unguten Gefühls aufgesucht und wie sich ja herausstellte auch völlig zu Recht. Schließlich waren bereits Leute der Sparta-Koalition dort und hatten Waffen entwendet. Ohne unser Eingreifen hätte Santiago womöglich noch viel mehr Schaden anrichten können und mit der Ausrüstung aus der Waffenkammer haben wir auch den Einsatz zu Ihrer Rettung ausgeführt", antwortet er erhitzt.
"Ich will Ihnen nicht widersprechen, dass Ihr Instinkt in der Sache korrekt war und Ihre Initiative wahrscheinlich Schlimmeres verhindert hat. Gleichwohl muss ich Ihnen bestimmt auch nicht die Wichtigkeit von Loyalität und der Achtung der Befehlskette erklären, oder? Wie dem auch sei: Mein Problem ist eher, dass Sie auch Waffen an Zivilisten wie diesen ungehobelten Kolonisten herausgegeben haben und generell seit Ihrer 'Sicherung' der Waffenkammer diverse Waffen sowie 50 kg Sprengstoff inklusive Zündern verschwunden sind. Können Sie das erklären?"
Kaito muss schlucken. "Von dem Verlust höre ich gerade zum ersten Mal. Aber nach uns haben ja andere Techniker aus der Abteilung von Commander Zakharov die Kontrolle über die Waffenkammer übernommen und die Herausgabe an Zivilisten erschien mir vor dem Hintergrund der akuten Bedrohung durch die Meuterer absolut gerechtfertigt."
Yangs wägt Kaitos Worte ab und sieht ihm fest in die Augen. Dann beginnt er wieder zu sprechen: "Ich habe mir natürlich auch Ihre Akte angesehen, Lieutenant. Liest sich tragisch. Ihre Mutter starb bei einem Bombenanschlag in Tokio, als Sie noch ein Kind waren, und die Hintermänner wurden nie ermittelt. Ich vermute mal, dass dies wohl später eine Hauptmotivation für Sie war, sich erst der Polizei und später dann den Selbstverteidigungsstreitkräften anzuschließen, nicht wahr? Sie wollten gerne die beschützen können, die Ihnen etwas bedeuten."
Kaito erblasst. "Was soll das hier werden?", fragt er tonlos.
Der alte Commander fährt einfach fort: "Aber trotz Ihres Einsatzes konnten Sie nicht verhindern, dass während des 12-Minuten-Kriegs Ihre Heimat, Freunde und Verwandten im nuklearen Holocaust verbrannten. Das Gefühl der Niederlage muss überwältigend gewesen sein, was auch Ihre zeitweilige Flucht in die australische Wildnis erklären dürfte. Und trotzdem haben Sie sich später den UN-Truppen und diesem Projekt hier angeschlossen."
"Macht es Ihnen Freude, in den Leben und alten Wunden von Anderen herumzustochern?", presst Kaito mühsam beherrscht hervor.
Yang zieht eine Augenbraue hoch: "Freude? Nein. Ich versuche nur Motivationen zu verstehen. Wissen Sie, ich kann mir gut vorstellen, wie Sie so nachts alleine in der Finsternis liegen und doch nicht einschlafen können. Wachgehalten von den verzweifelten Schreien Ihrer Liebsten und den Bildern ihrer verbrannten und verkrüppelten Leiber. Sie hätten allen Grund, die Menschheit zu hassen und wären geradezu das idealtypische Mitglied der Children of Earth."
Kaito wird übel. Schweißperlen laufen ihm die Stirn herunter. "Sie irren sich. Ich habe diese Mission angetreten, um der Menschheit einen Neuanfang voller Hoffnung zu ermöglichen", erklärt er.
Ein Moment unangenehmer Stille vergeht. Yangs Blick hält Kaito weiter fixiert. Dann nickt er auf einmal: "In Ordnung, Mr. Kaito. Sie sollen Gelegenheit erhalten, Ihre Loyalität unter Beweis zu stellen. Sie werden etwas für mich erledigen. Lieutenant Paul Landon, der Sie an der Waffenkammer abgelöst hat, wird seit ein paar Stunden vermisst, wie ich kurz vor unserem Gespräch erfahren habe. Sie werden ihn finden und zu mir bringen. Vielleicht weiß er ja etwas über den verschwundenen Sprengstoff."
Innerlich atmet Kaito erleichtert auf, froh, dieser Situation entkommen zu können. "Ich werde mich darum kümmern, Commander. Erhalte ich meine Ausrüstung dafür zurück?"
Auf ein kurzes Handzeichen von Yang tritt eine der Wachen vor und hält Kaito eine Pistole hin. "Die sollte für diese Mission ausreichen, Lieutenant." Kaito mustert die Waffe. "Wäre eine Betäubungswaffe für diese Aufgabe nicht besser geeignet?", fragt er schließlich.
Yang lächelt. "Aber, aber. Ich traue einem erfahrenen Soldaten doch zu, dass er es notfalls auch schafft, auf nicht letale Körperstellen zu schießen." Mit diesen Worten entlässt er Kaito.
Auf dem Flur atmet Kaito tief durch. Die Situation hat ihn sichtlich mitgenommen. Er überprüft auf seinem Handterminal den Standort der anderen. Besorgt registriert er, dass die drei sich auf der Krankenstation befinden.
Als er sich auf den Weg machen will, ertönt eine Stimme hinter ihm: "Lieutenant Ito?". Er dreht sich um. Crewman Ritzka steht etwas nervös vor ihm. Der junge Mann fährt fort: "Ich hörte, dass Sie auf der Suche nach Landon sind. Darf ich Sie unterstützen?"
Kaito überlegt kurz: "Sofern Commander Yang keine Einwände hat, wäre mir Ihre Hilfe willkommen, Crewman."
Ritzka wirkt erleichtert. "Das ist bereits geklärt", entgegnet er. Kaito nickt. Gemeinsam machen Sie sich auf den Weg zur Krankenstation. Ein Gefühl böser Vorahnungen nagt weiter an Kaito.
Die Lage auf der medizinischen Station hat sich nicht gebessert. Zwar liegen nicht mehr so viele Leute auf dem Boden, aber als ein Arzt bei einem weiteren Patienten die Decke über den Kopf zieht, beschleicht Fred ein ungutes Gefühl, was mit den übrigen Patienten passiert ist. Zwei Krankenschwestern legen den bewusstlosen Carl auf ein gerade frei gewordenes Bett. Sarah und Fred wechseln kurz besorgte Blicke, bevor ein Tumult ihre Aufmerksamkeit erregt.
Einige Meter von ihnen entfernt an dem Krankenbett von Annikki Luttinen stehen sich Prokhor Zakharov mit Asa Wright und Pravin Lal mit Schwester Miriam Godwinson gegenüber. Die vier sind in einen heftigen Streit verwickelt. Neugierig nähern sich Sarah und Fred.
"Was ist das Problem?", erkundigt sich Fred.
Zakharov antwortet mit einem verächtlichen Schnauben: "Wir könnten all diese Leute hier retten, wenn dieser regelliebende Bürokrat und diese Gottesanbeterin uns nicht wegen kleinlichen Bedenken behindern würden." Das Gesicht des Abgesandten Lal läuft tiefrot an. "Kleinliche Bedenken? Sie wollen diese Menschen hier zu Versuchskaninchen in einem Ihrer Forschungsobjekte machen, mit wer weiß was für Auswirkungen!", giftet er wütend zurück.
Jetzt bemerkt Fred auch die Spritzen, die auf einem kleinen Rollwagen vor ihm liegen. Sie sind mit einer silbrig schimmernden Flüssigkeit gefüllt. Er blickt Zakharov fragend an: "Worum handelt es sich dabei?"
"Selbstreplizierende Nanomaschinen. Sie wurden nach dem 12-Minuten-Krieg auf der Erde zur Behandlung von Strahlenkrankheit entwickelt, kamen dort aber bedauerlicherweise nie zum Einsatz. Lieutenant Luttinen war eine der führenden Wissenschaftlerinnen bei dem Projekt. Die Nanomaschinen sollten in der Lage sein, die durch das Neurotoxin zerstörten Zellen zu ersetzen", erklärt der Wissenschaftsoffizier.
Lal fällt ihm barsch ins Wort: "Sie kamen nie zum Einsatz, weil ihre Technologie gegen zahlreiche Bestimmungen des Vatikan-Protokolls zur Eindämmung von KI verstößt, das Teil der UN-Charta ist, wie Commander Zakharov eigentlich wissen sollte." Auch Godwinson mischt sich jetzt ein: "Gottes Schöpfung mit diesen DINGERN zu beschmutzen steht völlig außer Frage! Das Böse wohnt ihnen inne!"
Sarah verdreht nur genervt die Augen. "Ach, halten Sie doch die Klappe", meint sie lediglich. "Völlig egal, ob das irgendeiner Charta entspricht oder vielleicht gegen irgendwelche religiösen Moralvorstellungen verstößt. Diese Maschinen sind unsere einzige realistische Chance, die Menschen hier vor dem sicheren Tod zu retten und Aki ... ich meine natürlich Lieutenant Luttinen hat sich freiwillig als Testperson gemeldet", sagt Wright, die sich bis dahin zurückgehalten hatte. Die junge Frau im Bett nickt nur schwach.
"Das entbindet uns nicht von den ethischen Implikationen. Ich kann das trotzdem nicht zulassen", meint Lal resolut.
Fred hat genug gehört. Er schaut sich kurz auf dem Deck um. So viele Leben, die auf dem Spiel stehen. Und die reden hier nur rum, statt zu handeln. Kurzerhand tritt er vor, nimmt eine der Spritzen von dem Wagen und rammt sie Annikki Luttinen einfach in den Arm.
Pravin Lal reißt die Augen auf. "Sind Sie wahnsinnig?", ruft er wütend aus.
Fred zuckt nur gleichgültig mit den Schultern. "Ich werde sicherlich nicht tatenlos danebenstehen, wenn Menschen sterben und ich helfen kann. Jede Person, die diese Behandlung wünscht, soll sie auch bekommen", antwortet er dem Abgesandten der Vereinten Nationen.
Der will widersprechen, aber Zakharov lässt ihn nicht zu Wort kommen: "Damit wäre das entschieden! Mr. Krayenborg hat recht. Wir haben auch noch genug andere Probleme, um die wir uns kümmern müssen. Helfen wir diesen Leuten!"
Nachdem sie allen Patienten, die mit der Behandlung einverstanden waren, die Nanomaschinen verabreicht haben, kommt Zakharov zu Fred: "Ich mag Ihre mutige und entschlussfreudige Art. Leute wie Sie können wir hier wirklich gebrauchen! Wären Sie bereit mich heute bei einer wichtigen Angelegenheit zu unterstützen?"
"Natürlich, Commander Zakharov. Worum geht es denn?", entgegnet Fred sofort bereitwillig.
"Uns läuft die Zeit davon. Wir müssen heute endlich den Reaktor wieder hochfahren, damit wir das Bremsmanöver und die Kurskorrektur vornehmen können. Außerdem brauchen wir die Hauptenergie, damit die Lebenserhaltungssysteme auf voller Leistung laufen und wir die übrigen Menschen wecken können. Leider fehlt es mir weiterhin an ausreichend Leuten. Ihre Hilfe wäre mir sehr willkommen", erklärt Zakharov.
"Sie können auf mich zählen!", verkündet Fred. Zakharov nickt zufrieden. "Ich melde mich später bei Ihnen", verabschiedet er sich und verlässt die Station.
Kurze Zeit später betritt Kaito mit Crewman Ritzka die Krankenstation. Sarah und Fred eilen sofort zu ihm. "Was ist geschehen? Wie geht es dir?", fragt Sarah. Erschöpft berichtet er den beiden von seinem Gespräch mit Yang. Nachdem er geendet hat, meint Sarah: "Wir werden dich ebenfalls begleiten. Hast du schon eine Idee, wo wir mit der Suche anfangen sollen?"
Kaito überlegt kurz. "Das Schiff ist zu riesig, um einfach loszulaufen. Wir sollten in Erfahrung bringen, woran Landon zuletzt gearbeitet hat und auch die Aufzeichnungen der Kamerasysteme überprüfen." Fred blickt zum immer noch bewusstlosen Carl. "Und wie stellen wir das ohne unseren Techniker an?", spricht er das offensichtliche Problem an. Sarah zeigt auf Lieutenant Wright, die immer noch bei Annikki Luttinen am Bett steht: "Sie gehört doch auch zur Technik."
Die drei gehen mit Ritzka zu ihr. Nachdem sie ihr die Situation erklärt haben, sieht sie kurz zu Fred und antwortet dann: "Na klar kann ich euch helfen." Ihre Finger fliegen förmlich über das Handterminal. Nach einer kurzen Recherche erklärt sie der Gruppe: "Also, laut Lieutenant Landons letzter Meldung sollte er auf Deck 12 Wartungsarbeiten durchführen. Was die Videoaufzeichnungen angeht, so habe ich euch drei einfach einen neuen Benutzer eingerichtet, mit dem ihr auf das Aufzeichnungssystem zugreifen könnt. Schien mir das Einfachste. Ich schicke euch die Zugangsdaten. Wenn ihr möchtet, kann ich euch auch zu Deck 12 begleiten. Meine Schicht beginnt erst in zwei Stunden und für Aki hier kann ich im Moment eh nichts mehr machen außer warten und ihr beim Schlafen zusehen."
Gemeinsam machen sich die fünf auf den Weg zu Deck 12.
Sie finden Lieutenant Paul Landon tatsächlich auf Deck 12. Er liegt regungslos neben einer offenen Wartungsklappe im Flur. Kaito reagiert als Erster. "Nichts anfassen!", befiehlt er und nähert sich vorsichtig der Leiche, um sie zu untersuchen. Die Schläfe weist ein Einschussloch auf, und eine Lache aus Blut und Gehirn hat sich auf dem Boden verteilt. Neben Landon liegt eine Pistole. In seiner linken Hand hält er noch immer einen großen Schraubenschlüssel umklammert. Ein Blick auf das Holster am Gürtel: leer.
"Auf den ersten Blick würde ich sagen, dass es Selbstmord war", meint er schließlich und dreht sich wieder den anderen zu. Er bemerkt den erschütterten Gesichtsausdruck von Crewman Ritzka, der stark betroffen wirkt. "Selbstmord? Das ist unmöglich!", antwortet dieser.
"Kannten Sie ihn?", fragt Kaito. Ritzka braucht einen Moment, dann schüttelt er den Kopf. "Nur flüchtig. Aber er wirkte auf mich nicht selbstmordgefährdet", sagt er schließlich. Fred betrachtet die Szene ebenfalls. "Warum sollte jemand zuerst noch seine Wartungsarbeiten erledigen, um sich dann einfach zu erschießen? Das ergibt tatsächlich keinen Sinn."
"Es gibt hier aber keinerlei Kampfspuren oder weitere Einschusslöcher und der Eintrittswinkel am Kopf passt auch", gibt Kaito zu bedenken. "Und wenn er gezwungen wurde? Denkt doch nur an die Szene mit Yang in dem Frachtraum", wirft Sarah unvermittelt ein.
Kaito sieht zu der Überwachungskamera an der Decke. "Überprüfen wir die Aufzeichnungen der Kameras. Danach sollten wir mehr wissen."
Als er die Aufzeichnungen auf seinem Handterminal aufrufen will, fängt er plötzlich an zu fluchen: "Was zum? Die sind ja alle gelöscht. Alle Aufzeichnungen der gesamten Nacht. Und nicht nur von dieser Kamera, sondern vom gesamten Schiff!"
Lieutenant Wright greift sofort zu ihrem Handterminal. Ihre Augen weiten sich vor Erstaunen.
"Was haben Sie herausgefunden?", fragt Kaito.
Wright sieht die drei an. Ihr Blick ist plötzlich misstrauisch geworden. "Die Daten wurden vor wenigen Minuten über das Benutzerkonto gelöscht, das ich Ihnen dreien neu eingerichtet hatte ..."
Stille. Alle wechseln Blicke. Fred ist es, der zuerst das Schweigen durchbricht: "Das ist doch unmöglich. Niemand von uns würde so etwas tun! Da will uns jemand reinlegen. Könnte das irgendjemand anderes so aussehen lassen?"
Wright blickt skeptisch. "Nur ein Hacker der absoluten Spitzenklasse könnte zu so etwas fähig sein." "Ich vertraue allen hier Anwesenden. Das führt uns nicht weiter. Informieren wir Commander Yang über den Fund", beendet Kaito die Diskussion.
Fred, Kaito und Sarah beobachten, wie mehrere Leute der Schiffssicherheit die Leiche von Paul Landon auf eine Trage legen und wegbringen. Crewman Ritzka begleitet sie. Auch Lieutenant Wright verabschiedet sich und lässt die drei alleine zurück. Auf eine Meldung des Vorfalls mit den Videoaufzeichnungen hat sie verzichtet. Wahrscheinlich aus Angst, so selbst in das Fadenkreuz von Yang zu geraten, wie Sarah vermutet.
"Und wie geht es jetzt weiter?", fragt Fred schließlich. Kaito schaut von seinem Handterminal auf, in das er die letzten Minuten vertieft war. "Wir müssen immer noch den Sprengstoff ausfindig machen. Ich habe die Aufzeichnungen des ersten Tages geprüft. Zusammen mit Landon war ein gewisser David Brooks der Waffenkammer zugeteilt. Mit dem sollten wir uns unterhalten."
Fred will gerade antworten, als sein Handterminal piept. Eine Nachricht von Zakharov. "Sieht so aus, als müsstet ihr das Gespräch ohne mich machen. Die wollen jetzt den Reaktor wieder hochfahren. Ich muss zum Maschinenraum."
Kaito nickt. "In Ordnung, viel Erfolg."
Nachdem Fred sie verlassen hat, fragt Sarah: "Wo finden wir diesen Brooks denn?"
"Moment, ich schaue nach ..." Kaito erbleicht. "Anscheinend hat er sich für Arbeiten an den Wasserstofftanks freiwillig gemeldet. Los, wir müssen da sofort hin!"
Die beiden rennen los.
Verwirrt schlägt Carl die Augen auf. Wo ist er hier? Ach ja, die Krankenstation. Wie ist er hierhergekommen? Das Letzte, woran er sich erinnert, ist der Tumult mit den Sicherheitskräften. Offenbar ist er ohnmächtig geworden. Sein Kopf dröhnt. Suchend blickt er sich um. Wo sind die Anderen?
Eine Ärztin nähert sich Carl. "Wie fühlen Sie sich?", fragt sie ihn. "Nicht gut", gibt Carl zu. "Ja, die Vergiftung bei Ihnen ist doch schwerwiegender, als anfangs gedacht." Sie zögert kurz. "Wir haben vor kurzem - trotz einiger Bedenken - mit einer experimentellen Behandlungsmethode angefangen, die ich Ihnen anbieten kann." Sie hält Carl eine Spritze mit einer silbrig-schimmernden Flüssigkeit hin. "Diese Nanomaschinen sollten die beschädigten Nervenzellen reparieren beziehungsweise ersetzen können. Ich muss jedoch betonen, dass das Verfahren ungetestet ist und gegen den ausdrücklichen Willen von Dr. Lal zum Einsatz kommt." Carl mustert die Spritze nachdenklich. Dann greift er danach. "Ich werde es in Erwägung ziehen. Eine Frage noch: Wissen Sie, was mit den Leuten geschehen ist, die mich hergebracht haben?"
Die Frau schüttelt den Kopf. "Nein, aber vielleicht kann Lal Ihnen mehr dazu sagen. Er hatte mit Ihnen gesprochen. Ich schicke ihn zu Ihnen", erklärt sie.
Kurze Zeit später steht Pravin Lal an Carls Bett. "Ja, Chief?", fragt er.
"Wissen Sie, was mit Lieutenant Ito, Mr. Krayenborg und Miss Jaydo geschehen ist?"
Bei der Erwähnung der Namen verfinstert sich Lals Gesicht. "Was weiß ich? Erwähnen Sie die Namen dieser Chaoten nicht mehr in meiner Gegenwart! Die haben hier genug Schaden angerichtet, vor allem Ihr 'Freund', Mr. Krayenborg. Die drei haben die Krankenstation glücklicherweise wieder verlassen. Einer von der Sicherheit und Lieutenant Wright haben sie begleitet. Mehr weiß ich nicht und es ist mir auch egal!" Mit diesen Worten macht Lal kehrt und lässt Carl alleine zurück.
Der richtet sich in seinem Bett auf und greift nach seinem Terminal. Dann halt anders. Er verbindet sein Mensch-Maschine-Interface mit dem Terminal und taucht in die Systeme der Unity ein.
Es vergehen einige Minuten, dann hat er die Sicherungen überwunden und sein Ziel erreicht: das persönliche Handterminal von Commander Yang. Carl geht die Daten grob durch und sucht nach Hinweisen zu seinen Freunden. Er entdeckt, dass Yang sich für die Lebensläufe von Kaito, Fred und ihm interessiert hat und diverse Notizen dazu gemacht hat. Er muss schlucken. Das ist nicht gut. Neugierig liest er die Angaben zu Kaito und Fred. Eine Warnung taucht in seinem Sichtfeld auf. Zeit, die Verbindung zu trennen, bevor sein Eindringen entdeckt wird. Carl zieht die Stecker aus seinem Nacken. Verdammte Vergiftung! Das Ganze war anstrengender, als es sein sollte. Erschöpft lässt er sich in sein Bett zurücksinken und versinkt wieder in einem tiefen Schlaf.
Commander Zakharov steht vor einem großen Bildschirm, auf dem technische Daten zum Reaktor dargestellt werden. "Und denken Sie daran, wir haben nur diesen einen Versuch. Unser verbleibender Vorrat an Tritium reicht lediglich für eine Zündungssequenz. Wir können uns hier keine Fehler erlauben. Unser Versagen würde das Ende der Menschheit besiegeln", beendet er sein Briefing.
"Nur kein Druck", geht es Fred spontan durch den Kopf, er sagt es aber nicht laut. Er wendet sich dem Terminal zu, das ihm zugewiesen wurde. Bislang sehen alle Werte gut aus.
"Und los!", gibt Zakharov das Start-Kommando.
Gebannt beobachten Fred und die anderen Techniker auf den Bildschirmen, wie das Energielevel und die Temperaturen in der Reaktorkammer ansteigen: 30 Prozent, 40 Prozent ...
Ein pulsierendes Wummern erfüllt zunehmend den Raum. Als die Anzeige 50 Prozent erreicht, tauchen plötzlich mehrere rote Warnmeldungen auf Freds Monitor auf. Zakharov tritt neben Fred. Als er die Meldungen liest, erfüllt ein derber russischer Fluch den Maschinenraum.
"Der Druck steigt zu schnell an. Wenn das so weitergeht, werden die Leitungen platzen und das gesamte Deck mit radioaktivem Gas geflutet werden."
"Was können wir tun, Commander?"
Zakharov ruft eine Ansicht der Reaktorkammer auf. "Jemand müsste diese Leitungen verstärken. Die befinden sich allerdings in einem nicht optimal abgeschirmten Bereich." Betretenes Schweigen bei den meisten Ingenieuren. Doch Fred zögert nicht. "Ich erledige das!"
Er rennt los, öffnet eine Wartungsluke und fängt an, durch die enge Röhre zu der Stelle zu krabbeln, die Zakharov markiert hatte. Er befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Reaktor. Die Luft in der Röhre ist warm und stickig. Schweißperlen laufen über Freds Stirn. Ein Scan zeigt die Mikrorisse, die sich bereits an der Leitung gebildet haben. Eilig beginnt Fred, die betroffenen Stellen abzudichten.
Der Reaktor ist jetzt bei 80 Prozent. Es bilden sich immer weitere Risse, die Fred alle abdichtet. Das ist doch ein Kampf gegen Windmühlen, denkt sich Fred. Inzwischen ist er schweißgebadet. Täuscht er sich, oder wird das hier immer wärmer?
90 Prozent. Ein Strahlungsalarm ertönt unheilverkündend auf Freds Terminal. Er ignoriert ihn. Nur noch ein wenig durchhalten.
Die Leitung hält. 100 Prozent. Mit letzter Kraft schleppt sich Fred aus der Röhre zurück. Draußen angekommen, blendet ihn das helle Weiß der wieder angesprungenen Normalbeleuchtung. Er kann sich nur noch mühsam auf den Beinen halten und hat das Gefühl, als müsste er sich gleich übergeben.
Zakharov eilt zu ihm. Erleichterung, Sorge und Aufregung wechseln sich auf seinem Gesicht ab. "Wir haben es geschafft! Das war absolut heldenhaft! Jetzt können wir endlich den Kurs korrigieren und den Rest der Besatzung sowie die Kolonisten aus der Kryostase holen." Vorsichtig stützt er Fred. "Du siehst furchtbar aus. Ich bringe dich zur Krankenstation!"
Fred nickt mit schmerzerfülltem Gesicht. "Danke, Commander."
"Vergiss den Commander! Für dich in Zukunft einfach Prokhor."
Kaito und Sarah stehen im Gang, der zu den Wasserstofftanks führt. Kaito prüft noch einmal sein Terminal. Brooks ist wohl noch auf dem Weg zu ihnen. Schweigend warten die beiden. Die Anspannung ist förmlich greifbar.
Dann gleitet die Tür auf. Kaito erkennt das Gesicht von den Bildern aus der Personaldatei direkt wieder. Und er erkennt noch mehr. Sein Atem stockt. Die Uniform von Brooks ist am Oberkörper an mehreren Stellen auffällig ausgebeult. Seine Hände sind in den Taschen versunken.
Als Brooks die beiden erblickt, schnellt seine rechte Hand mit einer Pistole aus der Tasche, doch Kaito ist schneller. Für so etwas wurde er jahrzehntelang ausgebildet. Routiniert zielt er mit seiner Pistole und schießt. Der Knall hallt lautstark im Flur. Brooks wird mitten im Kopf getroffen. Er ist bereits tot, als er auf dem Boden aufschlägt.
Kaito und Sarah rennen los. Als sie bei der Leiche ankommen, entfernen sie zuerst den Zünder von der Bombe. Innerlich atmet Kaito kurz auf. Er hatte schon einen Totmannschalter befürchtet. Er betrachtet traurig die Leiche. An das Töten wird er sich trotz allem nie gewöhnen.
"Das war knapp", sagt Sarah. "Zu knapp", erwidert Kaito. Plötzlich geht um sie herum das Licht an und löst die blaue Notbeleuchtung ab. "Sieht so aus, als hätten Fred und Zakharov es geschafft", kommentiert Sarah. Sie untersuchen die Leiche. Brooks hat ungefähr 25 Kilogramm Sprengstoff am Körper. "Verdammt, die Hälfte ist immer noch irgendwo auf dem Schiff!", flucht Kaito. Als er die Ärmel der Jacke hochschiebt, macht er eine weitere Entdeckung. "Ein Augen-Tattoo ...", murmelt er, dann greift er nach seinem Handterminal. Er setzt eine Nachricht an Yang ab. Als er versucht, Fred zu erreichen, meldet sich dieser mit schleppender Stimme: "Wir sind auf dem Weg zur Krankenstation. Gab ein paar Schwierigkeiten."
Zwei Männer von der Sicherheit treffen ein, um Brooks Leiche und den Sprengstoff zu sichern. Kaito weist sie noch an, Leute abzustellen, um die Wasserstofftanks vor einem eventuellen weiteren Anschlagsversuch zu sichern. Danach macht er sich mit Sarah auf den Weg zu Fred. Hoffentlich ist es nichts Ernstes, grübelt Sarah unterwegs.
"Mann, du siehst ja echt beschissen aus!", entfährt es Sarah, als sie Fred sieht. Die Haut des Kolonisten wirkt fahl und die Augen sind blutunterlaufen. Akute Strahlenvergiftung hat der Arzt diagnostiziert und gibt Fred gerade ein Medikament, um die Symptome zu unterdrücken. "Ja, war schon mal besser", stimmt Fred mit einem leichten Schmunzeln zu.
Währenddessen berichtet Kaito Zakharov von den Ereignissen. Dieser stößt einen leisen Pfiff aus. "25 Kilogramm? Wenn der die an den Wasserstofftanks zur Explosion gebracht hätte, wäre wahrscheinlich das halbe Schiff zerstört worden. Gut, dass Sie ihn aufhalten konnten."
"Ja, aber die Bedrohung ist noch nicht ausgestanden. Irgendwer muss noch den Rest haben", entgegnet Kaito müde. Sein Blick geht kurz zu Carl, der immer noch ohne Bewusstsein in seinem Bett liegt. Kaito baut eine Verbindung zu Lieutenant Wright auf. Vielleicht kann sie ihnen ja helfen, mögliche Verbindungen von Brooks zu identifizieren.
"Tut mir leid, Lieutenant Ito, aber ich habe gerade eine Aufgabe von Captain Garland erhalten, die absolute Priorität besitzt", erhält er jedoch von ihr als Antwort. Kaitos Neugierde ist geweckt. "Hmm, um was für eine Aufgabe handelt es sich dabei?" Anscheinend in ihre Arbeit versunken redet Wright einfach weiter. "Der Captain hat von Morgan wohl den Speicherort für irgendeine wichtige Datei erhalten. Die wurde aber heute Nacht gelöscht und kann auch nicht wiederhergestellt werden. Ich soll herausfinden, wer dafür verantwortlich ist."
Kaitos Kehle schnürt sich zusammen. Morgans Liste über die Children of Earth auf der Unity. Gelöscht. Besteht dieser Tag eigentlich nur aus Rückschlägen? Er beendet die Verbindung zu Wright. Dann eben ein anderer Ansatz. Er ruft auf seinem Terminal die Einträge in den Datalinks zu den Children of Earth auf. Nach kurzer Zeit wird er fündig. Tatsächlich hatten alle bekannten Mitglieder, die auf der Erde verhaftet werden konnten, immer irgendwo ein Auge als Tätowierung am Körper. Immerhin. So könnten sie wenigstens Verdächtige überprüfen. Trotzdem eine Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Resigniert lässt er das Handterminal sinken und geht zu den anderen zurück. Ein heftiges Magenknurren meldet sich und macht ihm schmerzlich bewusst, dass er heute überhaupt noch nichts gegessen hat. Zeit, das zu ändern.
Während die drei weiterhin gemeinsam auf der Krankenstation zusammensitzen und eine Mahlzeit zu sich nehmen, nutzen sie diesen kurzen Moment des Friedens, um sich Träumen von der Zukunft auf dem neuen Planeten hinzugeben.
"Wie es dort wohl aussehen wird?", überlegt Fred nachdenklich. "Ganz anders, als auf der Erde", antwortet Sarah unvermittelt und beginnt, von der Landschaft zu berichten, die sie in ihrem Traum gesehen hat. Die beiden wirken verblüfft. "Aber Träume während der Kryostase sind doch gar nicht möglich", gibt Fred zu Bedenken. "Ich weiß. Ich glaube auch nicht, dass es ein Traum war. Es war mehr als das. Eher so, als hätte der Planet wirklich mit mir sprechen wollen." Kaito wirkt skeptisch. "Ein sprechender Planet? Kann ich mir kaum vorstellen."
"Völlig egal", wirft Fred ein. "Morgen erreichen wir Chiron, und dann können wir gemeinsam die neue Welt entdecken und herausfinden, was es damit auf sich hat. Als Freunde!" Er hält seine rechte Hand nach vorne. Kaito und Sarah legen ihre ebenfalls auf. "Freunde", bestätigt Sarah mit glänzenden Augen. Ihr Blick huscht kurz zum schlafenden Carl. Könnte er doch auch bloß gerade an diesem Moment teilhaben.
Ein Benachrichtigungston auf ihren Terminals reißt sie aus dem Moment. Eine Videobotschaft an alle Besatzungsmitglieder und Kolonisten. Neugierig und verwirrt öffnen sie die Nachricht. Ein breit lächelnder Nwabudike Morgan erscheint auf ihren Bildschirmen.
"Meine lieben Mitmenschen, sicherlich hat niemand von Ihnen erwartet, mich auf diesem Schiff wiederzusehen. Doch konnte ich die Menschheit angesichts der ihr bevorstehenden Herausforderungen nicht einfach allein ziehen lassen und habe mich daher selbstlos entschieden, meine Heimat, die Erde, hinter mir zu lassen und mich Ihnen und der Unity-Mission anzuschließen", beginnt er.
Sarah merkt, wie eine Mischung aus Wut und Ekel in ihr hochkocht. Morgan setzt derweil ungestört seine Ansprache fort.
"Captain Garland begrüßt ebenfalls meine Anwesenheit auf dem Schiff und hat mir angesichts meiner Führungsqualitäten die Leitung einer der Kolonielandekapseln übertragen, damit ich meine Fähigkeiten gewinnbringend für diese Mission und den Neuaufbau einer Zivilisation einbringen kann."
"Meint der das ernst?", ruft Fred ungläubig aus.
Kaito und Sarah erwidern nichts. Sie lauschen gebannt der restlichen Rede.
"Einige auf diesem Schiff sehen uns Menschen als Plage an und behaupten, wir würden dieselben Fehler wiederholen wie auf der Erde. Möglicherweise ist der Vorwurf korrekt: Wir haben unsere Welt vergewaltigt. Doch ohne den Prozess der Wissenschaft und die Industrie wüssten wir nicht einmal, dass dieser wunderbare Planet existiert.
Dort draußen gibt es Millionen von Welten. Einige möglicherweise tausendmal schöner als die Welt, die vor uns liegt. Lassen wir unsere Umweltschützer doch von unbefleckten Welten träumen, wenn dies ihren Geist beflügelt. In unserem Fall lassen Sie uns die Welt, die vor uns liegt ... erforschen und benutzen. Es ist unmöglich, Schönheit zu erkennen, ohne sie zu verändern. Und verändern werden wir sie!
Ressourcen existieren, um verbraucht zu werden. Und verbraucht werden sie, wenn nicht von dieser Generation, dann von einer zukünftigen. Auf welcher Grundlage versucht diese vergessene Zukunft uns jedoch unser Geburtsrecht zu verweigern? Ich sage, es gibt keine Grundlage! Nehmen wir uns, was uns gehört, essen und trinken wir uns an unserem gerechten Anteil satt.
Und diesen Fanatikern, die uns anklagen, dass wir die Natur zerstören würden, sage ich, dass sie gegen die menschliche Natur handeln.
Menschliches Verhalten ist wirtschaftliches Verhalten. Die Details können sich unterscheiden, aber der Wettkampf um beschränkt vorhandene Ressourcen bleibt eine Konstante. Bedürfnis und Neid sind uns zu den Sternen gefolgt, und die Belohnungen des Reichtums erwarten noch immer jene, die weise genug sind, dieses tiefe Schlagen unseres gemeinsamen Pulses zu erkennen.
In diesem Sinne freue ich mich auf die gemeinsame Zusammenarbeit. Wir haben eine neue Welt zu erobern. Packen wir es gemeinsam an!"
Das Bild von Morgan verschwindet. Die drei sehen sich an. Sarah ergreift als Erste wieder das Wort.
"Sieht so aus, als hätte Garland seinen Schwanz doch wiedergefunden. In Morgan", bemerkt sie voller Verbitterung.
Kaito schüttelt nur den Kopf: "Ich kann es nicht glauben. Was ist mit den Toten von Deck 13? Wie kann der Captain das ignorieren?" "Es ist doch immer das Gleiche mit diesen Reichen", wirft Fred ein.
Sarah kann ihren Zorn immer weniger zurückhalten. "Warum hast du mich nur zurückgehalten, Kaito? Wir hätten ihm das geben können, was er verdient hat."
Kaito will zu einer Erwiderung ansetzen, als sein Handterminal eine weitere eingehende Nachricht signalisiert. Er öffnet sie.
"Noch mehr schlechte Nachrichten?", fragt Fred.
"Kann man wohl so sagen. Garland hat gerade angeordnet, dass die UN-Truppen ebenfalls alle dem direkten Kommando von Commander Yang unterstellt werden sollen."
Betroffenes Schweigen. "Ist der Captain verrückt? Diesem Psychopathen?" Fred ist fassungslos. Sarah erhebt sich abrupt. "Wartet mal", sagt sie nur und geht dann zum Büro der Krankenstation, wo Pravin Lal sitzt.
Nach ein paar Minuten kommt sie wieder. "Lal war auch ganz überrascht von dem Befehl. Garland hat es auch mit ihm nicht abgestimmt, obwohl er doch der höchste UN-Vertreter auf dieser Mission ist."
Kaito ist erstaunt. "Das kann er doch nicht machen!" Sarah nickt. "Das denke ich auch. Lal ist aktuell mit seinen Pflichten als Arzt mehr als ausgelastet. Ich schlage vor, dass wir mal mit Garland reden."
Kaito wirkt nicht wirklich überzeugt, steht aber letztlich doch auf. "Na gut. Versuchen wir unser Glück."
Erneut öffnet Carl die Augen. Immer noch die Krankenstation. Sein Gespräch mit Sinder Roze im Cyberspace hat mehr Fragen aufgeworfen als Antworten geliefert. Er zieht die Kabel aus seinem Interface im Nacken. Wer hat ihn überhaupt verbunden, als er schlief?
Er blickt sich um. Niemand zu sehen. Er hackt sich in die Kameras der Krankenstation. Carl verzieht das Gesicht. Wäre auch zu einfach gewesen. Mehrere Minuten fehlen. Er seufzt. Dann halt auf dem guten alten analogen Weg.
Er winkt einen der Krankenpfleger heran. "War jemand in den letzten Minuten an meinem Bett?", fragt er ihn. "Ja, irgendeine Frau von der Technik", antwortet der Pfleger. Er zeigt auf Luttinen. "Sie war vorher bei dem Lieutenant gewesen."
Carl versucht, sich aus dem Bett zu heben. Schnell merkt er jedoch, dass er sich nicht aus eigener Kraft auf den Beinen halten kann. Der Pfleger bringt ihm einen Rollstuhl. Luttinen ist wach, als Carl bei ihr ankommt. Carl ist erstaunt. Beim letzten Mal, als er sie sah, hatte er den Eindruck, dass sie den nächsten Tag nicht erleben würde. Jetzt jedoch wirkt sie nahezu genesen. "Lieutenant, es ist schön, Sie wieder in besserer Verfassung zu sehen." "Danke, Chief. Das habe ich Mr. Krayenborg zu verdanken." Ihr Blick huscht kurz zu Pravin Lal, während sich ein Schatten über ihr Gesicht legt. "Im Gegensatz zu manch anderen hier, besaß er glücklicherweise die Courage, mir die notwendige Behandlung zu gewähren. Diese Nanomaschinen sind wirklich ein Wunder. Alle Menschen sollten davon profitieren!" Bei den letzten Worten glänzen ihre Augen für einen Moment vor Eifer.
"Wie dem auch sei. Vorhin war ein Lieutenant bei Ihnen?", fragt Carl, ihre letzte Bemerkung ignorierend. "Oh, Sie meinen sicherlich Lieutenant Wright. Die Gute war ja fast in jeder freien Minute hier an meiner Seite. Sie hat auch nach Ihnen vorhin gesehen", antwortet Luttinen. "Ah, sehr aufmerksam von ihr. Ich werde sie direkt einmal kontaktieren, um ihr dafür zu danken." Carl verabschiedet sich und rollt mit seinem Rollstuhl in eine ruhige Ecke und initiiert eine Komm-Verbindung. Nur kurze Zeit später erscheint das Gesicht von Asa Wright auf seinem Handterminal. Sie lächelt ihn an. "Hallo. Schön, dass es dir wieder besser geht." "Ja, Lieutenant Luttinen sagte mir, dass du nach mir gesehen hast. Während ich schlief, hat jemand mein Mensch-Maschine-Interface an das Terminal angeschlossen. Weißt du etwas darüber?"
Wrights Miene spiegelt völlige Unschuld wider. "Oh, davon habe ich nichts mitbekommen. Merkwürdig, warum sollte jemand so etwas denn tun?", antwortet sie. Carl runzelt die Stirn. Lügt sie oder nicht? Er wird aus dieser Frau einfach nicht schlau. Er ringt sich ein Lächeln ab. "Wahrscheinlich ist es gar nichts Wichtiges. Danke für deine Zeit." "Immer wieder gerne, Chief." Sie zwinkert ihm kurz zu, ehe sie die Verbindung beendet.
Carl seufzt. Er ist immer noch nicht mehr rausfinden können und auch die Auswirkungen der Vergiftung sind nicht hilfreich. Er holt die Spritze mit den Nanomaschinen hervor, die die Ärztin ihm gegeben hat. Ein kurzer Moment des Zögerns und des Abwägens. Dann injiziert er sich den Inhalt in seinen Arm. Er lässt sich zurück in sein Bett fallen. "Hoffentlich wirkt das", sind seine letzten Gedanken, bevor er wieder dahindämmert.
Garland ist nicht auf der Brücke zu entdecken, als Fred, Kaito und Sarah sie betreten und sich nach ihm umsehen. Sie wollen schon wieder kehrt machen, als plötzlich eine raue Stimme hinter ihnen laut ertönt: "Mensch, Fred, alter Haudegen. Hast du es also tatsächlich auch auf diesen Kahn geschafft?" Kaito und Sarah schauen verwirrt, aber Fred dreht sich schmunzelnd um. Die Stimme kennt er doch. "Ulrik, du bist also auch endlich mal aufgestanden?" Lieutenant Commander Ulrik Svensgaard grinst. "Natürlich. Als ob ich mir den Spaß hier entgehen lassen würde." "Svensgaard hier ist der Grund, warum ich mich der Unity-Mission angeschlossen habe", erklärt Fred. "Wir waren auf der Erde auf demselben Marinestützpunkt stationiert. Der Kerl hier hat nicht aufgehört, mich abends in der Kneipe zu belabern, bis ich letztlich auch überzeugt war, mich für die Unity zu melden."
"Ja, das waren schon legendäre Zeiten, oder? Aber was treibt dich auf die Brücke, statt die Zeit in deiner geliebten Werkstatt zu verbringen?"
"Wir sind auf der Suche nach Captain Garland. Weißt du, wo er ist?"
"Der Captain? Den findet ihr in seinem Quartier", antwortet Svensgaard. Kaito nickt. "Vielen Dank. Dann lasst uns gehen."
Die Tür zum Quartier des Captains gleitet auf und die drei treten ein. John Garland steht vor seinem Schreibtisch. Hinter ihm kann man durch die Sichtscheibe bereits den Planeten sehen. Chiron ist nicht mehr weit. Garland mustert seine Besucher mit offener Feindseligkeit. "Was wollen Sie denn schon wieder?"
Kaito ergreift als Erster das Wort: "Sir, es geht um Ihre Entscheidung, die UN-Truppen dem Befehl von Commander Yang zu unterstellen. Denken Sie nicht, dass Sie eine solche Entscheidung vorab mit dem Abgesandten Lal hätten besprechen sollen?"
"Ich glaube nicht, dass ich Ihnen in der Angelegenheit in irgendeiner Form Rechenschaft schuldig bin, Lieutenant", erwidert Garland sichtlich genervt, doch Kaito lässt nicht locker: "Ist Ihnen überhaupt bewusst, was Yang hier auf dem Schiff veranstaltet? Es sind heute Leute gestorben!"
"Wenn ich mich richtig erinnere, waren Sie es doch, der - entgegen meinem ausdrücklichen Befehl - die Waffenkammer gestürmt hat, wobei ein Besatzungsmitglied starb. Und Sie waren es auch, der eine nicht autorisierte bewaffnete Operation gegen Lieutenant Santiago initiiert und angeführt hat. Kommen Sie mir nicht mit Opfern! Einer der heute Verstorbenen geht doch sogar direkt auf Ihr Konto. Erst kritisieren Sie mich für ein angeblich zu passives Vorgehen angesichts der Bedrohungen auf diesem Schiff und nun gefallen Ihnen die Maßnahmen auch nicht!", redet der Captain sich zunehmend in Rage.
"Und was ist mit Morgan?", schaltet sich Sarah in die Diskussion ein. "Der Mann ist für 120 Tote verantwortlich und Sie geben ihm zur Belohnung auch noch die Kontrolle über eine der Landekapseln?" Garland bedenkt sie mit einem Blick, der pure Verachtung zeigt. "Die Toten auf Deck 13 sind die Folge eines tragischen Unfalls. Nwabudike hat mir glaubhaft versichert, dass er dafür keine Schuld trägt und wir können bei den bevorstehenden Herausforderungen nicht einfach auf einen Mann mit seinen Fähigkeiten verzichten."
Sarah verzieht angewidert das Gesicht. "Warum überrascht es mich nur nicht, dass Sie diesem Kapitalistenschwein den Schwanz lutschen? Sie sind halt doch nur ein Posterboy und kein Captain." Das Gesicht des Captains ist wutverzerrt. "Es reicht! Dieses Gespräch ist beendet!", zischt Garland.
Frustriert lässt Kaito die Schultern sinken. Die drei wenden sich der Tür zu, als ein Ton auf Garlands Handterminal eine eingehende Nachricht signalisiert.
"Einen Moment", ertönt plötzlich die Stimme des Captains hinter ihnen. Verwirrt drehen sich Fred, Sarah und Kaito um. Garland hat eine Splitterpistole auf sie gerichtet. Sein Gesicht zeigt eiskalte Wut. Entgeistert reißt Kaito die Augen auf. "Captain? Was hat das zu bedeuten?"
"Ich habe gerade eine Nachricht von Yang bekommen. Der Children of Earth, der für die Vergiftung der Essenrationen verantwortlich ist, hat gestanden und konnte sogar ein weiteres Mitglied identifizieren. Ich wusste doch von Anfang an, das mit Ihrer Gruppe etwas nicht stimmt! Erst ihr zu frühes Aufwachen. Dann die fortwährende Insubordination und Untergrabung meiner Autorität. Aber das ist jetzt vorbei. Sie haben schon viel zu viele Tote auf diesem Schiff zu verantworten. Ich werde das Hier und Jetzt beenden. Noch irgendwelche letzten Worte, Miss Jaydo?" Die Waffe zielt direkt auf Sarahs Kopf.
"Sie sind doch verrückt", zischt Sarah nur mit versteinerter Miene.
Fred schaltet sich aufgeregt in die Diskussion ein: "Warten Sie! Das ist doch verrückt! Sarah kann niemals eine Terroristin sein."
Garland hält den Blick weiter fest auf Sarah gerichtet, während er antwortet: "Das glaube ich kaum. Der Mann hat ausgesagt, dass Miss Jaydo sich ihm gegenüber mit einer geheimen Losung zu erkennen gegeben hat und hat ihr Foto eindeutig identifiziert."
"Das muss ein Irrtum sein. Und selbst wenn nicht, gibt Ihnen das nicht das Recht, hier eigenmächtig eine Todesstrafe zu vollstrecken, Sir! Das verstößt eindeutig gegen die Charta!", ruft Kaito aus.
"Ach, jetzt fangen Sie also auf einmal an, sich für so etwas wie Regeln zu interessieren, Lieutenant? Vielleicht erzählen Sie das mal dem Mann, den Ihre Gruppe in der Waffenkammer in blutigen Brei verwandelt hat oder dem, den Sie heute erschossen haben!", giftet Garland zurück. "Schluss mit dieser Diskussion!"
Das Geräusch der sich aktivierenden Magnetspule erfüllt die folgende Stille.
Garlands Finger fängt an, sich zu bewegen.
Sarah hält dem Blick von Garland stand. Für den Bruchteil einer Sekunde wirkt es, als würden ihre Augen aufblitzen - zwei kalte Reflexe im Dunkel, wie die eines Raubtiers bei Nacht. "Waffe fallen lassen", befiehlt sie mit kalter Stimme.
Die Augen des Captains weiten sich vor Erstaunen und nehmen kurz einen glasigen und leeren Ausdruck an. Mechanisch wirft er seine Pistole einfach auf den Boden zu Sarahs Füßen.
Kaito zieht seine Pistole und richtet sie auf Garland. Fred hat seinen Schallhammer gezogen. Beide wirken mit der ganzen Situation komplett überfordert.
Nach einem kurzen Moment kommt Garland wieder zu sich. Er drückt auf das Display seines Handterminals, dass an seinem linken Arm befestigt ist. "Captain? Was ist los?", ertönt die Stimme von Commander Yang aus dem Terminal.
Garland will zu einer Antwort ansetzen, doch Sarah ist schneller. Erneut schneidet ihre Stimme durch den Raum: "Schweig still!" Der Mund des Captains klappt schlagartig zu. Dann geht alles sehr schnell. Fred stürmt vor, den Schallhammer ausholend. Der Schlag zertrümmert sowohl das Terminal als auch den Arm, an dem es hing. Das Geräusch von zerberstendem Glas, Metall und Knochen wird durch einen lauten Schmerzensschrei abgelöst. Erschreckt weicht Fred ein Stück zurück. Panik ergreift von Kaito Besitz. Ohne nachzudenken, wirft er seine Pistole in Richtung von Garlands Kopf. Heute ist genug Blut vergossen worden. Er will nicht weiter töten. Doch der Wurf war ein Fehler. Die Waffe trifft Garland nicht, sondern landet in seiner noch gesunden rechten Hand. Ohne zu zögern, schießt er.
Blut spritzt auf, und Sarah geht keuchend in die Knie.
Als Kaito seinen Fehler begreift, springt er der Waffe hinterher und reißt Garland zu Boden.
Sarah hat sich wieder aufgerichtet. Ein Blutfleck breitet sich an ihrer Seite aus. In der Hand hält sie die Splitterpistole von Garland. Sie blickt auf den am Boden liegenden Captain. Ihr Gesicht ist von glühendem Zorn erfüllt. Ohne zögern drückt sie ab. Das elektromagnetisch beschleunigte Splittergeschoss jagt mitten durch Garlands Brust.
Rückwärts stolpernd entfernt sich Kaito hastig vom reglos daliegenden Captain.
Die drei sehen sich fassungslos an. "Wir müssen hier weg! Dafür schmeißt uns Yang aus der Luftschleuse!", sagt Kaito schließlich.
"Ich weiß, wohin wir können", erklärt Sarah mit zittriger Stimme. Gemeinsam rennen sie los. Hinter sich lassen sie Captain John Garland zurück. Eine Blutlache breitet sich über dem kalten Metallboden aus. Der starre Blick des Kommandanten der Unity ist auf das Fenster gerichtet, durch das Chiron langsam größer wird.
Ein kalter Schauer jagt Fred über den Rücken. Sarah hat sie in das Herz der Finsternis von Deck 13 geführt, auf das Totendeck. Die Energie auf dem Deck wurde immer noch nicht wiederhergestellt. Demnach funktionieren auch die Überwachungskameras hier nicht, wie Sarah ihnen erklärt hat. Zwischen all den Leichen, die immer noch in ihren Kryokapseln treiben, mag sich trotzdem keine Entspannung einstellen. Die Gesichter der drei werden nur von dem Schein ihrer Handterminals beleuchtet. Kaito begutachtet Sarahs Wunde. Glücklicherweise steckt die Kugel nicht und es wurden auch keine lebenswichtigen Organe getroffen. Aber der Blutverlust könnte zu einem Problem werden.
Kaito ist der Erste, der wieder das Wort ergreift. "Was zur Hölle war das gerade? Wie konnte das nur so eskalieren? Sarah bist du etwa wirklich eine Angehörige der Children of Earth?", schreit er beinahe.
Sarah ist sichtlich aufgewühlt. "Ich habe keine Ahnung, wie die zu dieser Behauptung kommen! Ich habe mit den Anschlägen nichts zu tun. Ich wollte gerade einfach nur nicht sterben! Garland hätte mich getötet, wenn ich ihm nicht zuvorgekommen wäre!"
"Ich glaube dir, Sarah. Da will uns irgendjemand reinlegen. Das ist doch ein abgekartetes Spiel", stimmt Fred ihr zu. "Egal, trotzdem haben wir den Captain angegriffen und womöglich sogar getötet. Wie soll es jetzt weitergehen? Wer würde uns jetzt noch helfen?"
Sarah wischt sich mit dem Ärmel Tränen aus dem Gesicht. "Skye wird uns helfen." Kaito und Fred schauen skeptisch. "Bist du sicher? Können wir ihr in der Sache vertrauen?", fragt Kaito.
Sarahs Stimme ist voller Gewissheit. "Absolut!" Sie baut eine Sprechverbindung zu Skye auf und erklärt ihr die Lage. Die Xeno-Biologin der Unity-Mission reagiert anfangs sichtlich geschockt, fängt sich aber schnell wieder.
Sie beendet die Verbindung mit den Worten: "Hab keine Angst, Sarah. Wir kriegen auch das hin. Bleibt, wo ihr seid. Ich werde Unterstützung organisieren und dann zu euch kommen."
Carl richtet sich in seinem Bett auf der Krankenstation auf. Erstaunt stellt er fest, dass er sich wieder komplett fit fühlt, wenn nicht sogar besser, als vor der Vergiftung. Diese Nanomaschinen haben wirklich wahre Wunder gewirkt. Er sucht gerade seine Sachen zusammen, als Deirdre Skye die Krankenstation betritt und direkt auf Carl zusteuert. Dieser zuckt kurz innerlich zusammen, sagt aber nichts. Skye vergewissert sich, dass niemand in Hörweite ist, bevor sie ohne Umschweife beginnt: "Ihre Freunde stecken in Schwierigkeiten und brauchen Sie, Chief Walsh. Ich kenne die Umstände auch noch nicht genau, aber anscheinend gab es eine Konfrontation mit Captain Garland in seinem Quartier. Wir müssen zu ihnen, bevor Commander Yang sie findet."
Carl schluckt die Fragen herunter, die ihm auf der Zunge lagen. Er nickt nur. Er wird Kaito, Fred und Sarah sicherlich nicht im Stich lassen. "Wo sind die drei jetzt?", fragt er nur, während er sich mit seinem Terminal verbindet.
"Deck 13", antwortet Skye. Carl hat sich derweil bereits in die Aufzeichnungen des Kamerasystems gehackt. Wird wohl langsam zur Gewohnheit, schießt es ihm kurz durch den Kopf, als er den Löschbefehl erteilt. "Die Aufzeichnungen aller Kameras auf dem Schiff aus den letzten 60 Minuten sind gelöscht. Das sollte ihre Spuren hoffentlich verwischen", erklärt er Skye. "Ich versuche jetzt auch, die Live-Aufnahmen zu blockieren, damit wir unentdeckt zu den anderen kommen können."
Skye blickt ihn erwartungsvoll an, während Carl wieder eintaucht. Doch nach kurzer Zeit muss er aufgeben. Sein Mensch-Maschine-Interface ist bereits komplett ausgelastet. Er entschließt sich stattdessen, Sinder Roze um Hilfe zu bitten.
Kurz darauf erhält er die Bestätigung. "Wir haben eine Stunde, bevor die Kameras wieder funktionieren. Verlieren wir keine Zeit!" Carl und Deirdre Skye laufen los.
Der letzte Tag auf der Unity erwartet sie bereits.